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Thomas Schulz: The European Sculpture

Im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit von Thomas Schulz stehen der europäische Einigungsprozess und die Veränderungen der politischen und ökonomischen Landschaften Europas. Mit akustischen und fotografischen Aufnahmen begleitet er die Entwicklung Europas zu einer „politischen Großraumskulptur“, sei es beim Bau des Tunnels unter dem Ärmelkanal oder bei den Neubauten für das Europäische Parlament in Brüssel. In seiner Installation will Schulz Grenzen benennen und den Verlauf ihrer Überwindung veranschaulichen. Die Demarkationslinie der ehemals innerdeutschen Grenze auf der einen Seite und die Flugbewegung der Störche, die Wappentiere Straßburgs, auf der anderen Seite – dies sind die Pole, zwischen denen er seine Arbeiten realisiert. Klang- und Bild-Installationen durchdringen diese Grenzen funktional gebundener Sprechweisen, Gesten und Handlungen.

Organisation: Rosa Luxemburg Stiftung Brüssel
Sprachen: Deutsch, Simultanübersetzung Englisch
Kontakt:
Marlis Gensler

Weiterführende Informationen:

CV Thomas Schulz

Juni 2010
Überblick

1950 Ankunft Berlin;
1977-83 Studium an der Hochschule der Künste, Berlin;
Seit 1979 Beginn der Entwicklung von akusti-schen Skulpturen aus Stahldraht und Glas;
1985/86 Arbeiten mit einsehbaren Räumen mittels optischer Linsen / Spy in New York und Berlin;
1989 Beginn des Projekts „THE EUROPEAN SCULPTURE“, akustische und fotografische Recherchen in und an den Bau-stellen des Euro-Tunnel;
1993/2006 Arbeiten im und am Europäischen Parlament in Brüssel und Straßburg.

Förderungen

1985 Project Studios 1/P.S.ONE, New York;
1986 Atelier Künstlerhaus Bethanien;
1989 Arbeitsstipendium des Sen.Kult. Berlin;
1995 Arbeitsstipendium der Stiftung KUNSTFONDS, Bonn;
1995 Projektstipendium der Stiftung KULTURFONDS, Berlin;
1999 Arbeitsstipendium des Sen.Kult. Berlin;
2000 Villa Serpentara, Akademie der Künste; Projekt-Förderung PARLAMENT DER KLÄNGE, KUNSTFONDS, Bonn

Ausstellungen (Auswahl)

1981 „Faced Mirror“, „Im Westen nichts Neues“ Kunstmuseum Luzern, Sammlung Ludwig;
1982 „First Secret Service Permanent Congress Music“, Biennale Paris, Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris; „Sonata Somnambulica“ Galerie Donguy, Paris;
1983 „galera ambulante“, Symposium d´Art Performance, Lyon; „IM THEATER“, Büro Berlin;
1984 „TRANSATLANTIC TABLEMUSIC“, Musée d´Art Moderne, Montreal;
1985 „CULTUR SHOC BOXES“ Clock Tower/P.S.ONE, New York;
1986 „1 hoch Null/Tage zur Ansicht“ Künstlerhaus Bethanien, Berlin;
1987 „Das Haus spricht“ Documenta 8, Kassel Audiothek;
„SEHSTRECKEN“, Galerie RUIMTE MORGUEN, Antwerpen; „ROTER PLATZ/GRÜNFELD“, Moltkerei Köln;
1988 „QUIEMS“ im Merve-Verlag, Berlin Kultur-Hauptstadt Europa;
1989 „KORRESPONDENZEN“, Berlinische Galerie, Berlin;
1991 „CORRESPONDANCE“, Musée d´Art Moderne, Saint Etienne;
1992 „NOT HERE BUT UNDER THE  SEA“, NBK BERLIN;
1993 „DOSSIER ANTWERPEN“, Kultur-Hauptstadt Europa & RUIMTE MORGUEN;
1996 „Von Laut bis lautlos“, Brandenburgische Kunstsammlungen Cottbus;
1997 „Gegenstimmen? Enthaltungen? Ist so beschlossen!“ Hamburger Bahnhof, Berlin;
1998 „MEGAPHONIE z“, ASCII, Berlin;
1999 „contract tendencies“, Haus des Rundfunks, Berlin;
2000 „We come to the votes now“, Donaueschinger Musiktage;      
2001 „European Drawings“, Mikrophonie No. VI, in Symposium „Kunst als Wissenschaft, Wissenschaft als Kunst“ Gemäldegalerie Berlin;
2002 „Mal hören was der Fischer sagt“, Landvermessung Strodehne;
Beginn Recherche Fischer Schröder Havelland;
2003 „Schichtweise“, Mikrophonie No. VII, Galerie Neue Meister, Dresden;
2004 „Skulptur Europa/Aufsicht auf künftige Parlamentsböden“, Ostseebiennale der Klangkunst, Audiovisuelle Projektion 54’, Kunsthalle Rostock; „NEUROPÄISCH“, CDR-Projektion Donaueschinger Musiktage;
„MUTABOR – Wer lacht fliegt raus“, 21 Kanaille in „EU positive“, ADK;
2007 Beginn des Landschaftprojekts Havelland;        
2008 SONORIC PERSPECTIVES, Nordische Botschaften von C. Metzger, Berlin; „Die Vertreibung aus dem All“, DVD-Prod. HYBRIDEN-Verlag, Berlin;
„Gefälschter Verwandter IV“ – Ostsee-Biennale der Klangkunst, Usedomer Musikfestival Kunstpavillon Heringsdorf;
2009 „Das organisierte Versprechen in den Stimmen der Seezunge“, Kunsthalle Brennabor in Brandenburg.

Thomas Schulz: The European Sculpture – Die Hand in der Witterung

 
von Wolfgang Siano

Die Überlegung, die künstlerische Arbeit von Thomas Schulz unter den Begriff The European Sculpture zu stellen, entstand Anfang der 90er Jahre während seiner akustischen und fotografischen Beobachtungen bei den Bohrarbeiten zum sogenannten ‚Euro-Tunnel’, der heute Frankreich und England unter dem Ärmelkanal miteinander verbindet. Dazu kamen entsprechende Untersuchungen am Europa-Parlament in Brüssel und Straßburg, wo er dessen ehemaligen Vizepräsidenten, Hans Peters, bei seinen administrativen und parlamentarischen Tätigkeiten begleiten konnte.

Der Grundgedanke bei dieser Überlegung war, den Entstehungsprozess einer politisch und ökonomisch neu entstehenden Konstruktion namens Europa als Skulptur zu begreifen, dessen Zusammenhang nicht mehr in anschaulicher Kontinuität dargestellt werden kann. Die technischen Vernetzungen und kommunikativen Verdichtungen, die aus diesem Prozess resultieren, sind selber nur als ein solcher Prozess zu vergegenwärtigen, und gerade das entspricht der skulpturalen Arbeitsweise von Thomas Schulz: sie hat sich den nur indirekt fassbaren Relationen von Objekten, Klängen und fotografischen Relationen verschrieben.

Wenden wir diesen Prozessgedanken auf den mythischen Kontext zurück, so ist Europa nicht einfach das Bild vom Mädchen auf dem Stier, sondern ein Vermittlungsgeschehen, das den Zusammenhang der griechischen Welt im Mittelmeerraum als gleichermaßen politische wie ideelle Universalität erzählerisch fassbar und nachvollziehbar gemacht hat. Zeus, der sich in den Stier verwandelt hat, erarbeitet ein neues Weltverhältnis: der Raub der phönizischen Königstochter ist zunächst ein Angriff auf die Vorherrschaft Phöniziens als Handelsmacht. Doch indem er sie als Stier entführt, durch den Ozean nach Kreta entführt und sie dort als Adler schwängert, verbindet und integriert er – durch Arbeit, als göttliche Aktion – die kosmischen Dimensionen, die in ihrer Geschiedenheit als je eigene Mächte agieren konnten. Zeus ist sowohl den erdnahen Kräften verbunden wie den himmlischen: in Dodona erscheint er als Eiche und das Rauschen der Blätter im Wind als sein Orakel, in Olympia errichtet ihm Phidias eine Statue aus Elfenbein und Gold- eine Gestalt gewordenen Idee, die als Herrschende in der handgreiflichen Materialisation ökonomischer Macht dargestellt wird.

Wenn wir von europäischer Skulptur sprechen, dann ist es diese Gestalt gewordene Anschaulichkeit der Idee, für die die klassische Kunst Griechenlands steht. In ihr, als dem Zusammenschluss verschiedener Kräfte, ist eine Dynamik angelegt, die schon im 4. Jh. den Stoiker Kleanthes von Zeus als einem abstrakten Prinzip sprechen ließ. Damit hat er schon das Gesetz der Abstraktion auf den Begriff gebracht, das seit 200 Jahren zum Merkmal unserer Moderne geworden ist.

Seitdem ist die Anschauung der Natur nicht mehr unmittelbar gegeben. Sie zeigt sich nun vermittelt in der Kunst und damit ist, weiter ausgegriffen, zugleich die Unanschaulichkeit des Vermittlungsgeschehens ’Europa’ in die Kunst eingewandert. Dadurch erneuert sie das Rascheln der Blätter im Wind und den Wellenschlag als Ursprung des sinnlichen, insbesondere des klanglichen Bewusstseins, und wo es sich zum Rauschen steigert und verdichtet, führt es – wie im wortwörtlichen Rausch – in die abgründige Macht chaotischer Komplexität. Hier wird sie zum Inbegriff der ungeordneten, nicht vom Menschen gezähmten Natur. Gegen sie und zugleich mit ihr hat sich der Mensch einen Horizont entworfen und konstruiert, der ihn über sie hinausgeführt hat: in der Geltungsdauer gesetzmäßiger Abläufe wie im augenblicklichen, unvorhersehbaren Ereignis. Im Medium Kunst erfährt er sich selbst zwischen Technik und empirischen Dasein.

In diesem Zwischenraum zeigen sich die Arbeiten von Thomas Schulz, wie die Gesellschaft sich nach Gesetzen vernetzt, die sie in der Natur abgelesen hat, die sie sich dieser Natur gegenüber in einem ihr fremden Eigensinn gegeben hat. Damit ist nicht die Evolution, durch die sich die Gesellschaft als Teil der Natur verstehen kann, gemeint. Vielmehr darf sie sich, um ihrer selbst willen, nicht deren Logik unterwerfen. Das Künstliche der Abstraktion, an der die Fremdheit des Eigensinns in der Kunst erfahren wird, bewirkt die Irritationen, in der die Natur als Bewusstsein der uns eigenen Selbst-Fremdheit erfahren und zugänglich werden kann. Von hier aus wäre das Verhältnis zur Natur, der gesellschaftlichen wie der eigenen neu zu bestimmen.

Die Natur ist keine Idylle, und was wir auch im Sinne einer Konvention von Idylle als schön ansehen und erfahren, ist Entlastung von der Natur, ein Beisichsein im Anblick ihrer Bildhaftigkeit, den sich weitenden wie bergenden Horizonten, der in sich ruhenden Körper auf der Heimfahrt nach der Arbeit oder der fast meditativen Versenkung beim Netzflicken, wie es hier in der Ausstellung auf den großen Projektionen zu sehen ist. Die Technik macht die Personen, ihre körperlichen und stimmlichen Erscheinungen als zugleich soziale wie natürliche Formen zugänglich und begreifbar – durch die Abstraktionen hindurch, die ihnen ihre jeweilige Gestalt verleiht. Thomas Schulz’s Hand in der Witterung erlaubt die Einübung in ein seismisches Reagieren auf die den Abstraktionen jeweils eigene Fremdheit, den Nachvollzug der Hintergründigkeit freier Schwingungen im Innenraum ihrer Vernetzung.

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