Eventdetail

Erika Maier: Einfach Leben (Lesung)

Sprache: Deutsch; Musik von Shirly Laub
Organisation: Rosa Luxemburg Stiftung Büro Brussels
Kontakt: Anna Striethorst

Die Autorin liest Doppelbiographien aus Ost- und Westdeutschland. Zu den internationalen Spitzenköchinnen gehören Ilona Lücke und Christel Riemer sicher nicht, aber auf ihre Bratkartoffeln lassen ihre Gäste nichts kommen. Das war schon vor 25 Jahren so, als die eine noch im Gästehaus der DDR-Regierung zu den Bratkartoffeln selbstgemachte Schweinskopfsülze reichte und die andere in der Hildesheimer „Krummen Rotwurst“ für Christels Sauerfleisch berühmt wurde. Ihre Lebenswege sind ganz unterschiedlich. Als die Grenze aufging, brach für Ilona Lücke eine Welt zusammen, während sich Christel Riemer aufrichtig freute, dass diese Drecksmauer endlich weg war. Heute sind sie Köchin, Unternehmerin, Reinigungsfrau und ab und an Sozialtherapeutin im eigenen Restaurant – die eine im Sonneberger „Bügeleisen“, die andere im „Alten Landhaus Meerdorf“. Beide sagen, dass du als Wirtin nur bestehen kannst, wenn du alles gibst und dein Hobby zum Beruf machst. Reich wirst du dabei nicht – weder hüben noch drüben. In diesem Buch erzählen Menschen aus Ost und West, Ärztinnen aus Meiningen und Augsburg, Architektinnen aus Marzahn und Kreuzberg und zehn andere Kollegen-Paare über ihre Lebenspläne, ihre Ideale und Träume und ob sich diese erfüllt haben. Da gab es Chancen und Grenzen – hüben wie drüben. Der eine konnte die Chancen nutzen und seine individuellen Lebensentwürfe verwirklichen. Der andere ist an Grenzen gestoßen und hat unter ihnen gelitten. Auch das – hüben wie drüben.

Erika Maier, geb. 1936 in Dresden wurde 1969 mit 32 Jahren eine der jüngsten Professorinnen der DDR. Nach Abwicklung der Hochschule für Ökonomie Berlin, an der Erika Maier über 30 Jahre forschte und lehrte, erarbeitete sie Markt- und Standortanalysen für Unternehmen und Institute. Ab 1995 war sie mehr als zehn Jahre für die Linkspartei.PDS in der Kommunalpolitik tätig: Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses der Bezirksverordnetenversammlung Marzahn-Hellersdorf von Berlin, Initiatorin von Projekten und Bürgerinitiativen, Publikationen. Ihr ehrenamtliches Engagement wurde 2006 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt.

Bericht zur Veranstaltung


Einen kulturellen linken Beitrag zur eher politisch geprägten Brüsseler EU-Szene zu leisten und interessante Persönlichkeiten vorzustellen – dies hatte sich das Brüsseler Büro der RLS auf die Fahnen geschrieben, als Ende Mai erstmals „Rosas Salon“ seine Pforten öffnete.

Zum Auftakt der ab nun monatlichen stattfindenden Veranstaltungsreihe las die Berliner Autorin Erika Maier am 27. Mai aus „Einfach Leben – Hüben wie Drüben“. In ihrem erstmals 2007 erschienenen Buch hat die Autorin zusam-men mit ihrem Mann Wilfried Biographien von Menschen aus Ost- und West-deutschland gesammelt. Das Besondere daran ist, dass Maier jeweils zwei VertreterInnen einer Berufsgruppe gegenüber stellt: Ärztinnen, Offiziere, Handwerker, Köchinnen, die ihre Lebenspläne, Träume und Erlebnisse auf beiden Seiten der ehemaligen innerdeutschen Grenze beschreiben.

In ihrer Lesung ging Maier vor allem auf das Transformationsjahr 1989 und die rasanten Veränderungen in der ersten Hälfte der 90er Jahre ein. Ihre Ge-schichten erzählen von genutzten und vertanen Chancen, von überwundenen Grenzen und von plötzlichen Brüchen in zuvor stabilen Erwerbsbiographien, sei es durch Arbeitslosigkeit oder durch eine nötig gewordene berufliche Neu-orientierung. Davon sprechen in Maiers Buch allerdings in erster Linie die In-terviewten aus Ostdeutschland; für die Westdeutschen war die Wendezeit eher von Neugier und Staunen über das Schicksal anderer und weniger von eigenen Erlebnissen geprägt.

In der anschließenden Diskussion wurde jedoch auch deutlich, dass sich alle Anwesenden von dem zeitgeschichtlichen Ereignis „Wende“ betroffen fühlten, selbst wenn sie 1989 noch Kinder waren oder schon seit langem nicht mehr in Deutschland leben. Wiederholt wurde davor gewarnt, trotz der zahlreichen Überschneidungen persönlicher Erfahrungen nicht in die alten Klischees zu verfallen, die auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch das Bild von „Ossi“ und „Wessi“ prägen.

Vorwort Einfach Leben:

Einfach leben – hüben wie drüben. Zwölf Doppelbiographien / Von Erika Maier

Die Erinnerung ist eine mysteriöse Macht …
Wer das, was schön war, vergisst, wird böse.
Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.
Erich Kästner

Es war mein 45. Hochzeitstag, im Juli 2004. Ein kurzer Satz trübte die heitere Stimmung und spaltete Familie und Freunde in zwei Lager. „Bei euch in der DDR hätte ich nicht leben können!“, hatte sie gesagt, die Schwäbin, die seit Jahren bei uns im Osten Berlins zu Hause ist. Da war sie mal wieder, die immer gleiche Frage: Wie konntet ihr Ostdeutschen das aushalten – diesen Staat DDR, bevormundet, eingesperrt, von der Staatssicherheit überwacht? Im ersten Moment ist Ruhe, niemand will an diesem schönen Sommertag darüber reden. Aber meine Tochter, die in einer west-ost-durchmischten Zeitungsredaktion arbeitet und seit zehn Jahren mit einem Bayern verheiratet ist, kann es nicht lassen. Und so kommt es, wie es kommen muss. Ich höre zu und merke, wie schwer es ist, einander zu verstehen. Sie leben zusammen, sie arbeiten zusammen, sie feiern zusammen. Doch was wissen sie vom anderen? Über die erste Liebe im Kirchenchor, den ersten Kuss im Pionierlager am See? Vieles war so ähnlich und doch wieder anders – in der Familie, in der Schule, mit den Kollegen, den Freunden. Und natürlich in der Politik. An diesem Abend entstand die Idee für dieses Buch. (…)
 
Inhalt

Ärztin, Architektin, Autobauer, Bäuerin, Bürgermeister, Handwerker, Journalistin, Köchin, Lehrerin, Offizier, Professor und Pfarrer … erzählen über ihren Beruf, ihre Familie, über Deutschland und die Welt.