Transformation von Automobilität

Die europäische Automobilindustrie steht aus verschiedenen Gründen unter einem massiven Veränderungsdruck: Erstens hat der weitreichende konzernübergreifende Betrug bezüglich der Abgasfiltersysteme bei Diesel und Benzinern deutlich gemacht, dass jedes Auto heute immer noch klimaschädlich und luftverschmutzend ist. Der vermeintlich grüne Anstrich der Automobilindustrie stellt sich aus heutiger Sicht als Farce heraus. In zahlreichen europäischen Städten werden die Grenzwerte zur Luftreinhaltung regelmäßig überschritten, womit die Gesundheit aller Bürger*innen aufs Spiel gesetzt wird. Die Industrie scheint aber den nun eilig zu beschließenden Fahrverboten in Innenstädten und weiteren Klimaschutzauflagen noch überhaupt nicht gewachsen zu sein. Sie wehrt sich mit Versuchen der politischen Einflussnahme auf strengere EU-Vorgaben. Emissionsreduktionen erfüllt sie mit Rechentricks statt mit technischen Verbesserungen.

Zweitens erfordern sich erschöpfende Ölreserven und die dramatischen Auswirkungen der Klimakrise einen Ausstieg aus der Technologie der Verbrennungsmotoren. Doch in Europa hinkt die Produktion umweltfreundlicherer Elektroautos im globalen Vergleich hinterher. China setzt hier mit einer ambitionierten Elektroauto-Quote bereits Maßstäbe. Längst scheint die europäische Automobilindustrie den Anschluss verpasst zu haben, um im großen Maßstab und konkurrenzfähig Elektroautos zu produzieren, weshalb ein flächendeckender Austausch der Antriebstechnologien in den kommenden Jahren kaum erwartbar scheint. Zudem ist die ökologische Verbesserung von Elektromotoren hinsichtlich der Produktion, des Strombedarfs und der Entsorgung mehr als fraglich.

Drittens wirken auch Prozesse der Digitalisierung sehr stark auf die Produktionsprozesse und die Nutzung von Verkehrsmitteln. Autonom fahrende Fahrzeuge, die geteilt genutzt werden, könnten den Verkehr der Zukunft prägen und verändern, da sie das klassische Modell des Automobils (ein Fahrer + privater Besitz + Verbrennungsmotor) auf den Kopf stellen. Die fortschreitende Digitalisierung und die damit verbundene datenzentrierte Mobilität werden jedoch zunehmend von großen Playern außerhalb der klassischen Automobilindustrie (Google, Amazon & Co.) bestimmt.

Die Automobilindustrie als unantastbare „heilige Kuh“ der kapitalistischen Wirtschaft

Die klassische Automobilindustrie kann als die unantastbare „heilige Kuh der deutschen Wirtschaft“ bezeichnet werden. Sie ist die größte Industriebranche Deutschlands und beschäftigt dort rund 860.000 Menschen. In Europa hängen mit der indirekten Beschäftigung ca. 3,5 Millionen Arbeitsplätze an der Herstellung von Autos (ACEA 2018). Auch dadurch entfaltet sich ein enormer politischer Druck, den die Branche auf die Politik ausüben kann. Es gibt wohl kaum eine andere Branche, die derart mit politischen Handlungsträger*innen verstrickt ist und sich dadurch Krise um Krise immer wieder herauswirtschaften konnte. Die Automobilindustrie muss deshalb als grundsätzlich politisch-automobiler Komplex verstanden werden.

Darüber hinaus steht die Automobilindustrie exemplarisch für das „Exportmodell Deutschland“, und die damit verbundene imperiale Lebensweise, welche auf der massiven Ausbeutung natürlicher Ressourcen im Globalen Süden und kommender Generationen beruht. Die wichtigste Frage aber wird dabei nicht gestellt: Können wir uns zwei Tonnen schwere Kisten, die oftmals nur eine Person transportieren, auf einem begrenzten Planeten leisten?

Rückwärtsgewandte Antworten aus der Automobilwirtschaft

Die Automobilindustrie hält zurzeit jedoch weitgehend an dem Modell fest, immer größere, leistungsstärkere und ressourcenaufwendigere Autos herzustellen, die fossil betrieben werden und von einem (meist männlichen und wohlhabenden) Fahrer privat besessen werden. Damit konterkarieren sie die Notwendigkeit, Mobilität nachhaltiger und demokratischer zu gestalten. So trägt die Automobilindustrie entscheidend zur tiefgreifenden „Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ bei beziehungsweise ist sie selbst Ausdruck derselben. So ist sie nicht in der Lage, Anforderungen an eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Verkehrsgestaltung gerecht zu werden und ein Recht auf Mobilität für alle herzustellen.

Mobilität als soziale Daseinsvorsorge

Eine zukunftsweisende Verkehrswende ist eine, die Mobilität als öffentliche Daseinsvorsorge begreift. Neben einer drastischen Verkehrsreduktion (z.B. „Stadt der kurzen Wege“) braucht es auch ordnungspolitische Restriktionen, wie Fahrverbote und Tempolimits. Mobilität sollte nicht nur post-fossil sein, sondern im gesamten Produktions- und Nutzungsprozess nachhaltig sein. Sie muss zudem in der Lage sein, Ressourcenverbrauch zu mindern sowie den unregulierten Flächenverbrauch zu stoppen. Dies schließt die reine Umstellung auf elektronische Antriebe aus. Darüber hinaus müssen mobile Angebote zeitsparend, barriere- und diskriminierungsfrei werden und damit auch erschwinglich für alle sein. Dies wiederum gestattet im besten Falle eine intelligentere Nutzung des (urbanen) Raums und ermöglicht auch denjenigen Menschen Mobilität, die diese vorher nicht hatten.

Durch die kommenden technischen Möglichkeiten vernetzter und autonomer Fahrzeuge bedarf es einer klugen politischen Steuerung, denn die Bewegungsdaten der Verkehrsnutzer*innen werden eine immer wichtigere Rolle spielen und dabei weitere Fragen von Datenhandel und -sicherheit aufwerfen. Darüber hinaus müssen die Angebote kollektiv genutzter Elektromobilität (öffentlicher Nahverkehr und Sharing Economy) sowie die Fahrradinfrastruktur in Städten verbessert werden.

Gerechte und ökologische Mobilität als Herausforderung für linke Akteure

Gerade im Bereich des urbanen Verkehrs liegen die Lösungen bereits vielfach auf der Hand – dennoch mangelt es vielerorts an politischem Willen, diese auch flächendeckend durchzusetzen. Es erfordert daher auch starke progressive Kräfte von unten, um eine tatsächliche Verkehrswende einzuleiten. Denn der Veränderungsdruck, dem die Automobilindustrie ausgesetzt ist, wird nicht zwangsläufig dazu führen, dass daraus eine gerechte, demokratische und ökologische Mobilität für alle entsteht. Vielmehr braucht es eine Überwindung rein profitorientierter Mobilitätsangebote. So bergen auch die Umstellung auf Elektromotoren oder plattformkapitalistische Mobilitätsdienstleister à la Uber die Gefahr, dass sich ein grüner Kapitalismus herausbildet und damit die Chance auf eine emanzipatorische Mobilität verspielt wird.

Zudem müssen linke Akteure sich mehr denn je damit auseinandersetzen, welche sozialen Auswirkungen große Transformationen der Industrie mit sich bringen werden. Analog zur Energiewende braucht es hier Konzepte, welche die volkswirtschaftlichen und beschäftigungspolitischen Effekte einbeziehen und gleichzeitig Verkehr und Mobilität sozial gerecht und ökologisch verträglich möglich machen.

Literatur

ACEA (2018): Employment Trends in the EU Auto Industry

Weiterführende Literatur

Blöcker, Antje (2017): Auto, Umwelt und Verkehr
Daum, Timo (2018): Das Auto im digitalen Kapitalismus
Haas, Tobias / Tadzio, Müller (2017): Die Autoindustrie im Blick
Röttger, Bernd / Wissen, Markus (2017): Ökologische Klassenpolitik