Schwänzen für eine klimagerechte Zukunft

Am vergangenen Donnerstag haben in der EU-Hauptstadt Brüssel 35.000 Schüler*innen und Studierende auf ihren Unterricht verzichtet und sind für ein sofortiges Handeln gegen die Klimakrise auf die Straße gegangen – einer der bisherigen Höhepunkte der seit Monaten andauernden Schulstreiks in zahlreichen europäischen Ländern. So streikten beispielsweise in der Woche zuvor deutschlandweit 25.000 Schüler*innen an über 50 Orten. Ausgelöst durch den Soloprotest der damals 15-jährigen schwedischen Schülerin Greta Thurnberg mit ihrem Demoschild „Skolstrejk för klimatet“ (Schulstreik fürs Klima) versammeln sich inzwischen vielerorts wöchentlich junge Menschen, um von der Politik und den jeweiligen Regierungen sofortiges Handeln einzufordern.

Die Proteste sind vor allem in Belgien, der Schweiz und Deutschland besonders groß: Also genau in den Ländern, die eine hohe historische und finanzielle Verantwortung für die Bekämpfung der Klimakrise haben. Aber auch in Australien, Kanada, Finnland, Japan, Kolumbien, den USA, Uganda und Neuseeland fanden bereits mehrfach Schulstreiks für mehr Klimaschutz statt. Dies beschreibt nicht nur den globalen Charakter der Klimakrise, sondern auch die schnellen Vernetzungsmöglichkeiten der jungen Menschen und die Wirksamkeit einer übergreifenden und verbindenden Kampagne.

„Ich will nicht Eure Hoffnung, ich will, dass Ihr in Panik geratet!“

Man könnte diese Schulstreiks als niedlich oder politisch naiv belächeln, so wie auch Klima- und Umweltschutz von vielen, auch von vielen Linken, als weicher Nebenwiderspruch behandelt wird. Doch es ist in manchen Dingen genauso einfach, wie es nur junge Stimmen formulieren können: Um den Klimawandel noch effektiv aufzuhalten, müssen wir jetzt handeln! Und die bisherigen klimapolitischen Maßnahmen sind dazu schlichtweg nicht ausreichend. So könnte man diese jungen Menschen und ihr sehr klares und einfaches Anliegen ernst nehmen: politischen Willen zeigen, um die selbst gesteckten Klimaziele zu erreichen und damit nicht zuletzt dafür zu sorgen, dass dieser Planet für die gesamte Menschheit noch bewohnbar bleibt. Denn es geht dabei vor allem um die Zukunft genau der jungen Menschen, die es jetzt auf die Straße treibt. Das ist weder niedlich noch naiv, sondern vor allem realistisch und existenziell notwendig. Genau deshalb braucht es diese politisch motivierte Jugend, die sich zum Glück für doch noch etwas mehr als für ihre aktuellsten Likes auf ihrem Insta-Profil interessiert.

Gerade erst haben Macron und Merkel im Aachener Vertrag die klimapolitische Zusammenarbeit als wichtigen Bestandteil der deutsch-französischen Partnerschaft betont. Aber ohne das Ziel der Treibhausgasneutralität oder einen klaren Handlungskompass bleiben dies nett anmutende Lippenbekenntnisse. Denn wie der zuletzt erschienene Bericht des Weltklimarats der IPCC verdeutlicht, braucht es „beispiellose Veränderungen in allen Sektoren der Weltwirtschaft“. Oder wie es die Begründerin der Schulstreiks zuletzt auf dem Wirtschaftsforum in Davos noch klarer machte: „I don’t want your hope. I don’t want you to be hopeful. I want you to panic. […] and act as if the house was on fire. Because it is.” Genau das haben die Streikenden verstanden, weshalb Slogans wie „System Change not Climate Change“ oder „Words are good – actions are better“ überall zu lesen und zu hören sind. Ein bisschen mehr ‚Green Economy‘ oder ein paar große Worte auf internationalen Konferenzen sind damit nicht gemeint. „Nichts ist naiver oder verrückter, als so weiterzumachen wie bisher!“, wie eine Demonstrantin in Berlin es treffend formuliert.

Ziviler Ungehorsam als politische Bildung

Dabei schlägt den protestierenden Schüler*innen auch Gegenwind entgegen. Gerade von Bildungsinstitutionen, aber auch konservativen und rechtspopulistischen Kräften wird dabei betont, dass die Schulpflicht über der Versammlungsfreiheit stehe und Demonstrationen aller Art ja auch außerhalb der Schulzeit organisiert werden könnten. Dabei ist ja gerade der springende Punkt, dass die Demonstrierenden ihr Anliegen für den Klimaschutz über ihre eigene Bildung stellen. Ihre Zukunft oder ihre Bildung, so eine der meistgehörten Aussagen, seien wenig wert, wenn nicht umgehend ausreichende Maßnahmen getroffen werden, um die Erderhitzung aufzuhalten. Und genau deshalb ist es nur folgerichtig, dass sie auf zivilen Ungehorsam setzen. Sie brechen niedrigschwellig und ohne Schaden zu verursachen ein Gesetz, um für ein Ziel von höherer Legitimität einzutreten. Auch das garantiert ihnen die Aufmerksamkeit, die ihrem Anliegen gebührt. Denn allein ein paar streikende junge Menschen locken die Staatschefs schon seit vielen Jahren nicht hinter dem Ofen hervor. Für soziale Bewegungen sind diese kleinen Regelverstöße schon immer die Triebfeder eines wirksamen Protests.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Streikenden hier wohl die eine oder andere nützliche Kompetenz für ihre politische Zukunft einüben. Neben der Selbstorganisation, der Pressearbeit und der Mobilisierung in den sozialen Medien lernen sie, für ihre Anliegen politisch aktiv zu werden und sich dafür zu vernetzen. Denn gerade politische Bildung lässt sich an sehr viel mehr Orten genießen als auf der klassischen Schulbank – manchmal ganz sicher besser auf der Straße.

Europa, Klima, Nachhaltigkeit