Lisbon Just Transition Gathering

Am 22. November trafen sich kurz vor der 4. Internationalen Ökosozialistischen Konferenz Gewerkschafter*innen und Klimagerechtigkeitsaktivist*innen aus zehn Ländern und fünf Kontinenten beim „Lisbon Just Transition Gathering“. Sie tauschten sich hier zu ihren bisherigen Erfahrungen aus ihren jeweiligen Kämpfen aus und diskutierten mögliche Überschneidungspunkte zwischen Arbeiterbewegung und Klimagerechtigkeitsbewegung. Das Treffen fand zu einem hoch umstrittenen und aufgeladenen Thema statt, bei dem oft soziale gegen ökologische Fragen ausgespielt werden. Werden wir das Klima nur auf Kosten von vielen Arbeitsplätzen retten können? Oder wird der Bedarf nach Jobsicherheit uns daran hindern aus den umweltschädlichsten Industrien auszusteigen? Das Treffen basierte auf der Feststellung, dass bisher innerhalb des bestehenden kapitalistischen Systems keine bedeutsamen Schritte in Richtung einer Energiewende passiert sind, die nahe genug an das 2-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens kommen. Daher waren sich die Teilnehmer*innen des Treffens einig, dass Aktionen und Strategien von Gewerkschaften und Klimabewegung nicht mehr defensiv sein dürfen, sondern notwendigerweise offensiver werden müssen. Hier finden sich einige Stimmen und Statements von einigen der Teilnehmer*innen.

„Die Klimakrise ist ein Klassenkampf“

Viele Gewerkschafter*innen waren sich einig in ihrer Rolle, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Wie Stefania Barca (Universität Coimbra, Portugal) bemerkte, ist Arbeit die Beziehung zwischen Natur und Gesellschaft und deshalb müsse die Arbeiterbewegung der Schlüsselaktuer werden, um die ökologische Krise zu lösen. „Die Klimakrise ist ein Klassenkampf, es ist das Kapital gegen alle anderen“, sagte sie. Jonathan Neale (One Million Climate Jobs Campaign, UK) fügte hinzu: „tatsächlich sind es Gewerkschaften, die die wahren Lösungen haben, nicht nur für den Klimawandel, sondern auch, um große soziale Bewegungen aufzubauen“. Joshua Mata (SENTRO, Philippinen) kommentierte:„Gewerkschaften müssen ihren Mitgliedern erklären, dass wir keine Klimagerechtigkeit ohne einen Systemwandel herstellen werden. Als Gewerkschafter*innen müssen wir unsere Macht als Mitglieder nutzen, um eine globale Klimagerechtigkeitsbewegung aufzubauen und global zu handeln“.

Nichtsdestotrotz, falsche Lösungen in Form von grünem Kapitalismus und nationalistischer Politik wurden klar abgelehnt. Andreas Ytterstad (Bridge to the Future, Norwegen) warnte, dass „der Markt dieses Problem nicht lösen kann und dass wenn wir (‚alle anderen‘, auf die Barca sich bezog) dabei nicht die Führung übernehmen, würde das kapitalistische System den Prozess mit falschen Lösungen kooptieren. Brian Ashley (One Million Climate Jobs Campaign, Südafrika) fügte hinzu, dass „eine weltweite, gemeinsame Strategie für soziale und ökologische Gerechtigkeit auch die Antwort auf das Erstarken der extremen Rechten“ sei. Daniel Angelim (TUCA, Brasilien) sagte: „Fälle wie Bolsonaro helfen uns dabei uns darauf zu konzentrieren, was progressive Bewegungen verbindet und auch darüber nachzudenken, was bei früheren progressiven Regierungen nicht funktioniert hat“.

Wo also sahen die Teilnehmenden Ansatzpunkte für Wandel? Sean Sweeney (Trade Unions for Energy Democracy, USA) unterstrich die Wichtigkeit von öffentlicher demokratischer Kontrolle über das Energiesystem und über die Wirtschaft. Er sagte: „wir als Akteure, die Verantwortung für Transformation haben, müssen technisch mit dem Energie-Management umgehen und konkrete operationelle Vorschläge machen. Ana Mourão (Climate Jobs Campaign, Portugal) betonte, dass „wir einen Plan brauchen, einen Plan von Menschen für gerechte Übergänge, um diese soziale Transformation möglich zu machen“. Sie berichtete außerdem im Detail von der Klimajobs-Kampagne in Portugal, wie diese Klimabewegung und Arbeiter*innen vereint hat und wie die konkreten Politikvorschläge aussehen.

Es wurden zahlreiche weitere konkrete Beispiele von guter Zusammenarbeit genannt: Neben den Klimajobs-Kampagnen in vielen Ländern wie Großbritannien, dem Baskenland oder Norwegen, bezogen sich die Teilnehmer*innen auf die Anti-Flughafen-Kämpfe, die Anti-Fracking-Kampagnen sowie auf Erfahrungen der Transport-Arbeiter*innen, die sich in Kampagnen für einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs stark machen.

„Wir brauchen breite Allianzen aus allen sozialen Bewegungen“

Samantha Mason (Public and Commercial Services Union, UK) sagte, dass Strukturwandel ebenso wie Klimawandel ein Problem aller Arbeiter*innen ist und nicht nur das von denen, die im Energiesektor beschäftigt sind. Sie hob hervor, dass alle Gewerkschaften darüber nachdenken müssen und für gerechte Übergänge kämpfen sollten. Asbjørn Wahl (Norwegian Municipal and General Workers Union, Norwegen) fügte hinzu, dass gerechte Übergänge und der Kampf darum an den konkreten Bedingungen gemessen werden muss, mit denen Arbeiter*innen es zu tun haben und dass die angestrebten Lösungen aus deren Erfahrungen gespeist werden müssen. „Wir brauchen breite Allianzen aus allen sozialen Bewegungen, denn heute müssen wir alle Krisen gleichzeitig lösen (die ökonomische, die soziale und die ökologische Krise sowie die Ernährungskrise)“, sagte er.

Viele andere Teilnehmende diskutieren mögliche gewerkschaftliche Interventionen für Klimagerechtigkeit. Dies kann einerseits durch direkte Streiks für Klimagerechtigkeit und aktive Teilnahme an den Kämpfen gegen die fossile Industrie geschehen. Andererseits können Interventionen auch in die jeweiligen Arbeitskontexte übertragen werden, wie beispielsweise die Aktivitäten eines Unternehmens (z. B. könnten McDonalds-Angestellte nicht nur Lohnerhöhungen fordern, sondern auch gegen die ökologische Zerstörung durch den Konzern kämpfen), den Arbeitsplatz selbst (z. B. Supermarktmitarbeiter*innen könnten sich weigern, Produkte mit zu viel Verpackung zu verkaufen) oder die Produktion (z. B. könnten Autoindustriearbeiter*innen die Herstellung von Bussen statt von Autos fordern).

Am Ende des Tages stimmten die Teilnehmenden darin überein, dass die Arbeiterbewegungen eine wichtige Rolle spielen, um Klimagerechtigkeit zu erkämpfen und dass diese Kämpfe mit einer größeren Vision eines System- und Strukturwandels verbunden werden sollten. Aus diesem Grund schrieben die Gewerkschafter*innen und die Klimaaktivist*innen eine Deklaration zur COP24, die seit Anfang Dezember in Polen stattfindet.

Sinan Eden
Empregos para o Clima (Kampagne Arbeitsplätze für das Klima, Portugal