Die Linke in Frankreich unter Macron

Als Emmanuel Macron, der sich als «weder links noch rechts» positioniert und für den «der Liberalismus einen Wert der Linken» (1) darstellt, an die Macht kam, wollte er politische Gräben überwinden. Seine Gegner*innen waren dadurch gezwungen, Strategien und Maßnahmen zu entwickeln, um auf der neuen politischen Bühne zu überleben. Während sich die Sozialist*innen, die Konservativen und die extreme Rechte mit dem Neubeginn schwertun, scheint die Linke, ob auf der Straße oder im Parlament, eine überraschende Dynamik zu entwickeln – und das nicht erst seit Macrons Amtsantritt.

Auch wenn es heute noch unwahrscheinlich erscheint, dass sie in absehbarer Zeit von den Wähler*innen an die Macht gebracht wird, so sind dennoch verschiedene Phänomene zu beobachten, die das Aufkeimen eines linken Widerstands gegen Macrons Regierung belegen. Von sozialen Bewegungen über kollektive Initiativen, die sich gegen umstrittene Regierungsvorhaben richten, bis hin zu einzelnen Intellektuellen und neuen politischen Akteur*innen: Die Oppositionsbewegung hat viele Formen und Gesichter.

1. Das Paradigma vom extremen Zentrum

Emmanuel Macrons Wahlkampf beruhte auf einer einfachen Idee: Die Zweiteilung zwischen der Rechten und der Linken sei überkommen, sie stamme aus einer «alten Welt», die es zu überwinden gelte. Tatsächlich unterscheidet sich die Politik dieser beiden Lager, sobald sie Regierungsverantwortung übernehmen, nur noch wenig voneinander, zumindest im Hinblick auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Ähnlich wie in Deutschland setzten auch die sozialdemokratischen Regierungen unter François Mitterrand und François Hollande Maßnahmen durch, die eher der rechten Wählerschaft zugute kamen. Als linke Politik können indes vor allem gesellschaftliche Maßnahmen wie die «Ehe für alle» gewertet werden.

Indem Macron die traditionellen politischen Lager für obsolet erklärte, ernannte er sich selbst zum Mann der Stunde, der auf pragmatische Art und Weise, von Vernunft und gesundem Menschenverstand geleitet, die für das Land unverzichtbaren Reformen durchführen würde. Seinen Erfolg verdankte er nicht zuletzt der Unterstützung durch den Zentristen François Bayrou, der zugunsten Macrons auf eine eigene Kandidatur verzichtete.
 
In der Tat inszenierte sich Macron, dessen Spitzname Jupiter lautet, bereits am Abend seiner Wahl als fast monarchistische Figur. Er bescheinigte Frankreich, «einem König nachzutrauern», (2) und berief seinen Kongress nach Versailles – ganz so, als sei sein Leitmotiv «Der Staat bin ich». Macron vermischt Symbole, die der traditionellen Sehnsucht nach einem starken Mann an der Spitze der Nation entsprechen, mit Elementen eines modernen Politikstils. Gleichzeitig sind Aspekte der Dezentralisierung – ein traditionelles Ansinnen der französischen Zentrumsparteien – in seinem Politikstil und den bislang durchgeführten Reformen nicht erkennbar.

Auch wenn die Gründung der Bewegung «En Marche !» mit dem Versprechen einherging, die Spaltung der Politik in links und rechts zu überwinden, sprechen Beobachter*innen vielmehr von einer deutlichen Bewegung nach rechts. Insbesondere die Arbeitsmarktreform und die damit verbundene Lockerung des Kündigungsschutzes sowie die Verschlankung des Staates fanden im rechten Lager Zustimmung. Der Philosoph Alain Deneault untersucht die Wirkungsweisen eines immer liberaleren Diskurses der politischen Klasse, die offenbar «der Oligarchie unterstellt» ist, und spricht von ihr als einem «extremen Zentrum». (3) Die Definition eines Extrems besteht laut Deneault darin, «intolerant gegenüber allem zu sein, was einem nicht gleicht». Das extreme Zentrum in der Version Macrons toleriere nichts anderes als den eigenen Diskurs, präsentiere sich aber als ausgewogen, als Normalzustand, als wahrhaftig und richtig.

Darüber hinaus hat Macron bereits während des Wahlkampfes und nach seiner Wahl mit kleinen, pikanten Sätzen eine Art Intoleranz und (neo-)liberale Haltung als Teil seines Denkens und seiner Kommunikation etabliert. So bezog er sich wiederholt auf die durch Margaret Thatcher in Großbritannien durchgeführten Reformen und ließ verlauten: «Als Arbeitsloser würde ich nicht alles von anderen erwarten, sondern erstmal kämpfen». (4) Die Wortwahl in seinen Kommentaren gleicht in vielem dem konservativen Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy, der von einem «Frankreich, das früh aufsteht», (5) schwärmte.

Wenn der Wandel des politischen Modells – oder die Art, heute in Frankreich Politik zu machen – das Ende des klassischen Modells links/rechts zu Folge hatte, so hat dieser Wandel auch dazu geführt, den Blick für die tatsächlichen Unterschiede zu schärfen und herauszuarbeiten, dass sich die Politik auf beiden Seiten des politischen Spektrums in den letzten Jahren nur noch in Nuancen unterschiedet, die eher künstlich als real zu Differenzen aufgebauscht werden.

Seit dem Ende der Amtszeit von Hollande und dem niederschmetternden Ergebnis ihres Kandidaten Benoît Hamon ist die Parti Socialiste, das linke Gegengewicht zu den Konservativen und im deutschen Verständnis eine der großen beiden Volksparteien, klinisch tot. Ihr neuer Parteichef, Olivier Faure (dessen Frau bis Februar 2018 Beraterin von Macron war), tritt in den Medien kaum in Erscheinung. Die Partei hat bereits im Wahlkampf Personal an Macrons Bewegung verloren. Viele andere verließen nach dem desaströsen Abschneiden bei den Parlamentswahlen im Juni 2017 das Boot. Hamon selbst verabschiedete sich von den Sozialist*innen und gründete die Partei Génération-s, mit der er einen politischen Neustart versucht. Eine im deutschen Verständnis sozialdemokratische Bewegung, die sich modern präsentiert, sich Emanzipation, Ökologie und das bedingungslose Grundeinkommen auf die Fahnen geschrieben hat und besonders bei jungen Leuten Anklang findet. Allerdings muss sie sich in den kommenden Monaten und Jahren erst bewähren, um ein tatsächlich zahlenmäßig gleichwertiger Nachfolger der Parti Socialiste zu werden.

Auch die traditionelle Rechte (Les Républicains, vormals UMP) tut sich schwer mit einem Neustart, nicht nur, weil ihr Kandidat François Fillon aufgrund einer persönlichen Affäre der Partei geschadet hat, sondern auch, weil sich die Regierungspolitik Macrons stark mit den Positionen der Partei überschneidet und ihr damit die Anhängerschaft streitig macht. Jean-François Copé, ehemaliger Parteivorsitzender der UMP und Bürgermeister der Stadt Meaux, freut sich sogar über Macron: «Er ist der rechte Präsident, mit dem wir nicht gerechnet haben, […] der aber seit seiner Wahl nur Maßnahmen durchführt, die wir befürworten.» (6) Auch der Front National, mittlerweile in Rassemblement National umbenannt, hat mit internen Affären zu kämpfen und kann so nicht einmal Profit aus der anhaltenden Flüchtlingskrise schlagen, die ansonsten so gern von Marine Le Pen ausgeschlachtet wird.

Bleibt also die Linke. Eine Linke, durchaus zersplittert und pluralistisch, für die sich seit Macrons Wahl zahlreiche Fronten aufgetan haben. Eine Linke, die darauf hofft, dass ihre Anziehungskraft und Stärke durch gemeinsame Ziele wieder größer wird. Man kann also die legitime Frage stellen: Hat Macron ungewollt für den Aufwind der Linken in Frankreich gesorgt?

2. Das El Khomri-Gesetz und der erste Widerstand gegen Macron

Die Linke ist nicht erst nach Macrons Wahlsieg auf die Straße gegangen, um gegen die Reformen zu protestieren, für die Macron bereits als Regierungsmitglied verantwortlich zeichnete. Als er in der Regierung von François Hollande ab August 2014 Wirtschaftsminister war, wurde seine Kollegin, Arbeitsministerin Myriam El Khomri, mit dem Projekt betraut, die umstrittenen Reformen des Arbeitsrechts durchzusetzen. Das Reformprogramm besteht zu großen Teilen aus dem Gesetzesvorhaben «Nouvelles opportunités économiques» (dt. «Neue wirtschaftliche Chancen»), das aus Macrons Feder stammt. Beschlossen wurde es im August 2016, zu einem Zeitpunkt, als Macron aus der Regierung ausschied, um sich auf seine neue Rolle als Präsidentschaftskandidat vorzubereiten. Das Gesetz, schnell «El-Khomri-Gesetz» getauft, rief eine Welle der Empörung hervor, insbesondere unter jungen Menschen, die darin eine weitere Verschärfung ihrer Prekarität sahen. Neben zahlreichen Demonstrationen im ganzen Land entstand die Bewegung «Nuit Debout», zu der Wissenschaftler*innen wie der Ökonom und Philosoph Frédéric Lordon oder Künstler*innen wie François Ruffin, Regisseur des Films «Merci, patron !», der die Machtverhältnisse zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen kritisiert, gehören. Ruffin wurde später Abgeordneter der linken Bewegung und Partei La France insoumise (dt. «Unbeugsames Frankreich»; siehe Punkt 3).

Ohne wahrnehmbare Sprecher*innen oder Anführer*innen brachte die Bewegung «Nuit Debout» mit viel Spontaneität und Kreativität mehrere Wochen lang allabendlich Tausende von Menschen auf öffentliche Plätze, allen voran auf die Place de la République in Paris. Die Teilnehmer*innen vereinte zunächst die Ablehnung des Gesetzes, bald wurde jedoch deutlich, dass sie auch generellere Kritik am Wirtschaftssystem und den politischen Institutionen teilten. So rückte zunehmend die Notwendigkeit in den Vordergrund, die einzelnen Kämpfe zusammenzuführen. Doch wegen der lockeren Strukturen und des spontanen Charakters der Treffen versandete «Nuit Debout» nach und nach.

Frédéric Lordon sieht in dieser Entwicklung dennoch eine Lektion, die er gegenüber der Zeitschrift Les Inrockuptibles so zusammenfasst: «Alle aufständischen Bewegungen fangen klein an. Das Problem für die Mächtigen beginnt, wenn deren Gewicht zunimmt, wenn es Kreise zieht. Wir sollten uns keine Illusionen machen, das Feuer ist (noch) nicht entfacht. Dennoch glaube ich, dass viele Leute auch von Weitem mit Interesse auf die Bewegung geschaut haben. Vielleicht hat sich etwas in den Köpfen getan, dessen Folgen wir noch nicht absehen können.» (7)
 
Ein weiterer Philosoph und linker Intellektueller, Manuel Cervera-Marzal, ebenfalls engagiert in der Bewegung, urteilt: «Uns geht es nicht um die Zahl der Teilnehmer*innen. Und diejenigen, die dabei waren, brauchen keine Bilanz. Sie wissen, dass der große Sieg von «Nuit Debout» ihre Existenz war. […] In einem oligarchischen Regime, in dem gewöhnliche Menschen seit langer Zeit von den Orten ausgeschlossen werden, an denen über ihre Zukunft entschieden wird, sind selbst ein paar Tausend Bürger, die die Kontrolle über ihre Geschicke wieder in die Hand nehmen, eine immense Verbesserung.» (8) Diese Bewegung, die unter der Regierung Hollande entstanden ist und sich gegen die Politik seines Wirtschaftsministers Macron richtete, hat gezeigt, dass der Widerstand sich nicht nur an der Wahlurne manifestiert, sondern – zumal im Zeitalter der sozialen Medien – sich Ausdrucksformen im öffentlichen Raum sucht, unabhängig von Parteien und Gewerkschaften, zumindest in Teilen und für einen bestimmten Zeitraum. Dies kann man mit der spanischen 15-M-Bewegung vergleichen, aus der die linkspopulistische Partei Podemos hervorgegangen ist.

Doch diese Form des Widerstands stellt uns vor eine schwierige Frage: Welche Rolle spielten dabei die traditionellen Gewerkschaften, die politischen Parteien und die linken Medien? Was heißt das für die institutionelle, linke Opposition?

3. Institutionelle Opposition: Der schwierige Weg der Erneuerung

Es ist keine Neuigkeit: Die französischen Gewerkschaften leiden unter ihrer geringen Mitgliederzahl. Die OECD bescheinigt Frankreich gar die geringste gewerkschaftliche Mitgliederquote in den untersuchten Ländern. (9) Die Gründe für diesen Zerfall sind zahlreich, und die aktuelle Situation gibt kaum Hoffnung auf eine Verbesserung (10) der Lage. In den verschiedenen politischen Auseinandersetzungen, sei es um die Flexibilisierung des Arbeitsrechts oder um die Privatisierung der staatlichen Bahngesellschaft SNCF, haben die verschiedenen Gewerkschaften sich nicht auf eine gemeinsame Linie verständigen können und daher an Stärke eingebüßt. Das Gleiche trifft auf die politischen Parteien zu, ob nun links oder rechts, da die politischen Maßnahmen der vergangenen Regierungen nicht den Eindruck erwecken, dass ihre Rezepte aus einem der beiden Lager stammen. Das Misstrauen, das daraus resultiert, wendet sich gegen alle Parteien und Bewegungen, denen besonders Wähler*innen der extrem Rechten oder Linken nicht mehr zutrauen, die Lage noch grundlegend verändern zu können. Darüber hinaus hat das Misstrauen gegenüber der politischen Elite, so wie in vielen europäischen Ländern, insgesamt zugenommen. Politische Skandale um die konservativen Politiker François Fillon, Nicolas Sarkozy oder um den Sozialisten Jérôme Cahuzac, die Veruntreuung von öffentlichen Geldern wie im Falle des Front National und die Nähe von Politiker*innen zu den Medien haben die negative Haltung weiter Teile der Bevölkerung gegenüber den Eliten (11) noch weiter bestärkt.

In diesem Kontext fällt es den Politiker*innen, ob nun auf linker oder rechter Seite, schwer, neue Ideale zu verkörpern. Auch wenn es Jean-Luc Mélenchon gelungen ist, sich im Präsidentschaftswahlkampf wirkungsvoll zu inszenieren, ist er nicht unumstritten, insbesondere bei einem Teil der Bevölkerung, der sich Europa sehr verbunden fühlt und der den Rückzug auf nationale Befindlichkeiten mit Skepsis betrachtet – selbst wenn es dabei um wirtschaftliche Aspekte geht, insbesondere um die rigide Sparpolitik in der EU, die die Regierungen in Frankreich und in den südeuropäischen Ländern seit Jahren kritisieren.

Was die europäische Frage angeht, wurden nicht selten die Positionen des Front National und La France insoumise in einem Atemzug genannt, auch wenn es den einen um die Abschottung Frankreichs vor illegaler Zuwanderung geht und den anderen in erster Linie um die Abschaffung des neoliberalen Wirtschaftssystems. Europa ist zu einem Faktor geworden, der für die Linke in Frankreich nicht einfach zu umschiffen ist. Während sie die europäische Idee im Sinne der Gründungsväter teilt, denen es um die Friedenssicherung ging, ist sie gegenüber den Prinzipien des freien Waren- und Personenverkehrs skeptisch. Dieser grundlegende Unterschied zur Rechten wird indes häufig durch das Attribut «populistisch» negiert. Linke Europapolitik wird mit den protektionistischen Positionen des Rassemblement National (ehemals Front National) gleichgesetzt. La France Insoumise, angeführt von Jean-Luc Mélenchon, strebt tatsächlich eine Loslösung von Europas liberaler Wirtschaftslinie an, allerdings ohne die nationalistische Einfärbung Marine Le Pens.

Was die anderen linken Parteien angeht, ob Lutte Ouvrière (LO), angeführt von Nathalie Arthaud, oder die Nouveau Parti anticapitaliste (NPA) mit Philippe Poutou, so fordern beide den Umsturz des bestehenden Systems. Auch wenn ihr Stimmenanteil bei Wahlen verschwindend gering ist, sind sie sehr aktiv bei den Widerstandsaktionen auf der Straße. Durch die TV-Debatte im Vorfeld der letzten Präsidentschaftswahlen, die allen Kandidat*innen die gleiche Redezeit zugestand, sind sie einem breiten Publikum bekannt geworden und konnten für ihre Positionen werben. Die Grünen und die Vertreter*innen der Parti Communiste kämpfen derweil um ihre Glaubwürdigkeit, da sie verschiedentlich mit der sozialistischen Partei kooperiert haben. In den Augen vieler Linker stehen beide Parteien daher nicht für Aufbruch und Erneuerung. Selbst wenn sie einige französische Gemeinden regieren, sind sie in der Nationalversammlung eine winzige Minderheit.

Was ist also zu tun? Von welcher Seite? Auf welche Weise? Und was, wenn die Antwort auf der Straße zu finden ist, auf dem Land und in Unternehmen, und wenn der Geist des Protests mehr und mehr die Gesellschaft durchdringen würde, ganz ohne großes Aufsehen?

4. Auf der Straße oder nirgends?

Die sozialen Bewegungen, die sich der liberalen Politik Macrons in den Weg stellen, sind in den letzten Monaten größer geworden. Insbesondere zu Beginn des Jahres vergrößerte sich der Widerstand auf der Straße oder – wenn man sich die Z.A.D. (Zone à défendre) bei Nantes anschaut – von alternativen ländlichen Projekten oder – wie das Beispiel der Eisenbahner*innen zeigt – vonseiten der Beschäftigten großer, teils staatlicher Unternehmen. Die Reform der SNCF ist auch den Vorgaben Brüssels geschuldet, da Macron mit der Privatisierung die Öffnung für Konkurrenz garantieren soll. Doch sie bringt eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der Bahnangestellten mit sich, die nun auch andere Branchen fürchten. Die Bahngesellschaft hat darüber hinaus große Signalkraft. Hier gibt es ein großes Maß an gewerkschaftlicher Organisation. Bereits 1995 führte ein Streik dazu, dass eine geplante Rentenreform zurückgezogen werden musste. Den Zusammenhalt unter den Eisenbahner*innen zu schwächen und ihren Rückhalt in der Bevölkerung zu mindern ist für die Akzeptanz weiterer Reformpläne Macrons von entscheidender Bedeutung.

Zur gleichen Zeit, im Frühjahr 2018, machten in ganz Frankreich Tausende von Studierenden gegen die neuen Auswahlverfahren an den Universitäten mobil. 400 Professor*innen unterschrieben eine Petition, um die Regierung zur Umkehr zu bewegen. Sie sehen in der Reform eine Maßnahme, durch die benachteiligte Schüler*innen noch weiter aus dem akademischen System gedrängt werden. Dazu kamen wiederholt Streiks von Beamten, die einem gemeinsamen Aufruf mehrerer Gewerkschaften folgten, um gegen die geplante Streichung von 120.000 Stellen im öffentlichen Dienst zu protestieren.

Zählt man all diese Bewegungen zusammen, so kann man durchaus von einem breiten Widerstand in unterschiedlichen Bereichen der französischen Gesellschaft sprechen. Die Akteur*innen der Bewegung «Nuit Debout» haben am 5. Mai 2018 mit einer weiteren Aktion von sich Reden gemacht, die sie «La Fête à Macron» tauften. Dabei ging es darum, die Gesamtheit der Politik Macrons zu kritisieren, jedoch in einem lockeren, positiven Rahmen.

An anderer Stelle ging es weit weniger friedlich zu: Die Z.A.D. wurde im Frühjahr 2018 mit massivem Polizeiaufgebot teilgeräumt. In den 1980er Jahren war an diesem Ort der Bau eines Flughafens geplant. Seitdem haben sich auf dem Gelände Menschen niedergelassen, die alternative Lebensformen ausprobieren, sich autark versorgen und das Land bewirtschaften. Zwar wurden die Pläne zum Bau des Flughafens von der Regierung beerdigt, dennoch kam es zu Räumungen, da die Z.A.D. zu den symbolträchtigsten Orten für die radikale Linke gehört. Das Weiterführen dieser Formen des Zusammenlebens außerhalb des staatlichen Modells sollte unterbunden werden – dies ist wiederum ein starkes Symbol von staatlicher Seite.

Auch innerhalb von Unternehmen hat sich der Ton verschärft und könnte in den nächsten Monaten und Jahren noch rauer werden. Die Kämpfe der Beschäftigten von Continental gegen die Schließung ihres Werkes und die Verlagerung der Produktionsstätten ins Ausland im Jahr 2009 waren bereits ein Beispiel dafür. Im Zuge der Proteste wurde eine Polizeipräfektur in Compiègne zerstört. Ein anderes Beispiel sind die Proteste von 2015 bei Air France. Während einer Demonstration gegen die Restrukturierung des Unternehmens jagten einige Angestellte einen der Direktoren und zerrissen ihm das Hemd, sodass er letztlich über einen Zaun flüchten musste. Bilder, die den Französinnen und Franzosen im Gedächtnis geblieben sind.

Ein weiterer Herd des Unmuts bleiben auch die Vorstädte, deren Bewohner*innen sich seit Jahrzehnten von der Gesellschaft abgehängt fühlen. Für den wachsenden Unmut sprechen auch zahlreiche Publikationen, die in den letzten Jahren entstanden sind und die die Entwicklungen im Land kritisch begleiten. Unabhängige Onlinemedien, zuweilen radikal links eingestellt, sind zahlreicher geworden – zum Beispiel Basta!, Reporterre oder Lundimatin. Bereits etablierte linke Medien wie Mediapart, Le Monde diplomatique oder Arrêt sur image verzeichnen ebenfalls eine wachsende Leserschaft. Gerade in Zeiten, in denen die Presselandschaft unter immensem finanziellen Druck steht, sind diese Tendenzen bemerkenswert.

Ausblick

Auch wenn die Linke von einer realen Machtübernahme weit entfernt scheint, war sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sieht man von der 68er-Bewegung ab, selten so ausgeprägt und divers wie heute. Die globalen Entwicklungen sowie die daraus resultierende liberale Regierungspolitik haben in Teilen der Bevölkerung zu der Ansicht geführt, dass es eine Alternative zu dem geben muss, was Macron zum einzig möglichen und sinnvollen Weg zur Reformierung des Landes erklärt hat.

Derzeit gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass sich die einzeln geführten Kämpfe in absehbarer Zeit zusammenführen lassen. Dennoch steckt in den zu beobachtenden Phänomenen (die Bewegung der Eisenbahner*innen, der Studierenden, Beamt*innen und der Z.A.D.) ein Protestpotenzial, das im Laufe der nächsten Jahre unter Macron weiter an Bedeutung gewinnen könnte. Umfragen sprechen dafür, dass ein großer Teil der französischen Bevölkerung das Vertrauen in seine politische Klasse verloren hat.
Was das aktive politische Handeln angeht, beschränkt es sich derzeit in erster Linie auf Interessengruppen, die sich – mehr oder weniger in festen Strukturen organisiert – für ihre Belange einsetzen, sich jedoch nicht in einer politischen Partei wiederfinden. Zwar hat Jean-Luc Mélenchon viele ihrer Stimmen bei den Wahlen auf sich vereinen können, doch die Zukunft von La France insoumise ist derzeit noch nicht absehbar.

Es ist anzunehmen, dass die genannten Strömungen und Mikrophänomene umso zahlreicher werden könnten, je liberaler die Wirtschafts- und je rigider die Sparpolitik der Regierung in Zukunft aussehen wird. Je spürbarer ihre Folgen für protestbereite Bürger*innen sein werden, desto wahrscheinlicher wird ein wachsender Druck von der Straße. Die Frage bleibt, ob die heutigen Randphänomene des Protests einen gemeinsamen Nenner finden werden, aus dem sich ein gemeinsames Ziel, ein gemeinsames neues Projekt für die französische Gesellschaft entwickeln lässt – eine Gesellschaft, die mehr Gerechtigkeit und Gleichheit für ihre Bürger*innen garantiert.

Über die Autorin: Romy Straßenburg, Jahrgang 1983, ist freie Journalistin und arbeitet von Paris aus für deutsche und deutsch-französische Medien – sowohl als Autorin und Regisseurin von Fernsehdokumentationen als auch für Print- und Onlinemedien. Darüber hinaus moderiert sie regelmäßig Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen und ist Dozentin am Pariser Institut Pratique du Journalisme.

Lektorat: Konstanze Schmitt und Britta Grell von Text-Arbeit

Bibliographie

(1) Emmanuel Macron in einer Diskussionsrunde im Rahmen vom Le Monde Festival, 27.09.2015.
(2) Emmanuel Macron in einem Interview mit der Wochenzeitung Le Un, 08.07.2015.
(3) Vgl. Deneault, Alain: La médiocratie. Précédé de Politique de l'extrême centre et suivi de Gouvernance. Le management totalitaire, Paris 2016.
(4) Emmanuel Macron in einem Interview mit dem Fernsehsender BFMTV, 18.02.2015.
(5) Nicolas Sarkozy am 21.02.2012 anlässlich des Besuches des Großmarktes Rungis, vgl. www.youtube.com/watch?v=_ZFWuzvm8SI (30.10.2018).
(6) François Copé im Rahmen der Sendung «L’épreuve de vérité», Public Sénat, 07.05.2018, unter: www.publicsenat.fr/article/politique/macron-un-president-de-droite-qu-on-n-attendait-pas-se-felicite-jean-francois-cope (30.10.2018).
(7) Dejean, Mathieu: Frédéric Lordon fait le bilan de Nuit Debout, in: Les Inrockuptibles, 08.09.2016, unter: www.lesinrocks.com/2016/09/08/actualite/frederic-lordon-bilan-de-nuit-debout-on-ne-va-se-raconter-dhistoire-feu-na-pris-11862763 (30.10.2018).
(8) Cervera-Marzal, Manuel: Nuit debout, l’instant d’après, in: Contretemps, 04.09.2016, unter: www.contretemps.eu/nuit-debout-bilan-cervera-marzal (30.10.2018).
(9) Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Trade Union density from 1880 to 2008, zuletzt aktualisiert am 21.06.2018, unter: www.macro.economics.uni-mainz.de/1335.php (30.10.2018).
(10) Matteudi, Stéphanie: Les syndicats en France : poids, représentativité et déclin, Beitrag vom 15.03.2018, unter: theconversation.com/les-syndicats-en-france-poids-representativite-et-declin-93296 (30.10.2018).
(11) Chazelle, Barbara: Entre crise de confiance et perte de repères, in: Méta Media, 23.01.2018, unter: www.meta-media.fr/2018/01/23/entre-crise-de-confiance-et-perte-de-reperes-linteret-pour-linformation-est-au-plus-bas.html (30.10.2018).