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Jenseits des Entwicklungsimperativs

Die Herausforderungen, vor die eine Überwindung des Kapitalismus uns heute stellt, sind erheblich größer und weitaus komplexer, als das im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert denkbar war. Heute erleben wir nicht nur eine Krise des Kapitalismus, sondern des gesamten Zivilisationsmodels, das die Moderne dem Planeten über die letzten fünf Jahrhunderte nach und nach aufgezwungen hat. Dieses auf unendliches Wirtschaftswachstum auf einem begrenzten Planeten ausgerichtete Zivilisationsmodell bedroht letztlich das Überleben der Menschheit als solcher. Um Alternativen hierzu zu erarbeiten, ist Denken in komplexen Zusammenhängen notwendig. Wir leben in einer ausbeuterischen Klassengesellschaft, die gleichzeitig (neo)kolonial, anthropozentrisch, rassistisch, patriarchal und homophob ist. Es ist eine Weltgesellschaft, die trotz ihrer multikulturellen Bekundungen nur eine einzige Lebensweise als gültig und modern ansieht, während alle anderen als rückständig, primitiv oder unterentwickelt angesehen werden, und die obendrein die Hegemonie eurozentrischer Wissensformen durchsetzt. Eine Gesellschaft, in der die ungleiche Verteilung des Reichtums sich immer weiter zuspitzt und der Krieg zum Dauerzustand wird.

Die theoretischen und politischen Instrumente, die bis Ende des 20. Jahrhunderts angemessen erschienen, um den Kapitalismus zu überwinden, erscheinen vor diesem Hintergrund heute als unzureichend und reduktionistisch. Die Konfrontationsachsen, denen in vergangenen Jahrhunderten in antikapitalistischen Kämpfen Vorrang gegeben wurde, drängen andere Konfrontationsachsen in den Hintergrund, die aber ebenso von Bedeutung sind.

Die Globale Arbeitsgruppe "Jenseits von Entwicklung" (Global Working Group "Beyond Development") sucht in ihrer Zusammensetzung und Methode dieser Komplexität Rechnung zu tragen. Sie kombiniert praktisches Erfahrungswissen aus politischen Kämpfen mit traditionellem Wissen indigener Bevölkerungsgruppen und verschiedenen Strömungen subalternen westlichen Denkens wie Feminismus, Ökologie, unorthodoxem Marxismus und dekolonialem Denken. Sie baut in ihrem Werdegang auf den Erfahrungen der lateinamerikanischen „Grupo Permanente sobre Alternativas al Desarrollo“ auf, die seit 2011 existiert (Publikation "Beyond Development"). Die Global Working Group hat zum Ziel, einen Prozess der kollektiven Wissensproduktion rund um mögliche Antworten auf die Zivilisationskrise voranzutreiben. Dabei sollen emblematische Prozesse, die in verschiedenen Teilen der Welt multidimensionale Alternativen hervorgebracht haben, den Lernprozessen zugrunde liegen.

Über das Treffen:
Die "Globale Arbeitsgruppe Beyond Development" ist ein Prozess kritischer Wissensproduktion zu möglichen Alternativen im Kontext der zivilisatorischen, multidimensionalen Krise. Rund 30 WissenschaftlerInnen und politische AktivistInnen aus 5 Kontinenten werden sich in 10 Tagen in Ecuador versammeln, um Erfahrungen mit konkreten Prozessen des Aufbaus von multidimensionalen Alternativen auszutauschen und Strategien, Konzepte und gewonnene Erkenntnisse zu erörtern.

Das Treffen besteht aus zwei öffentlichen Veranstaltungen, einer zweitägigen Exkursion zu einer lokalen Erfahrung mit dem Aufbau von Alternativen, und drei Tagen interner Debatte, letztere mit Fokus auf fünf sozialen Prozessen des Aufbaus von Alternativen in Nigeria, Indien, Venezuela, Spanien und Griechenland, einschließlich einiger transversaler Themen wie Nord-Süd-Allianzen.

Das Treffen baut auf einem früheren Treffen in Brüssel im Jahr 2016 auf, in dem eine Arbeitsstrategie entwickelt wurde.