Die Kartoffel als Symbol und materielle Notwendigkeit

Es gibt in Europa 2012 zwei gegenläufige Trends, von denen bis jetzt nicht klar ist, ob sie sich in der Praxis und im politischen Diskurs in naher Zukunft vereinen werden. Aber es ist klar: das Zeug dazu haben sie. Zum einen geht es hierbei um das nicht mehr ganz so neue, aber immer noch trendige "Urban Gardening", das die Wiederaneignung städtischer Brachflächen, deren Begrünung und Nutzbarmachung im Sinne einer "Mikrolandwirtschaft" in städtischer Umgebung bedeutet. Zum anderen geht es um eine besondere neue Form der traditionellen Landwirtschaft. 2011 schockten die ersten Nachrichten die europäische Öffentlichkeit, als bekannt wurde, dass Portugiesen reihenweise aus den Städten wieder aufs Land ziehen würden, um sich dort in Subsistenzlandwirtschaft zu üben. Es ging hier erstmals wieder in Europa darum sich bei einer Krise des kapitalistischen Marktes auszuklinken, und sich schlicht und einfach das Leben zu sichern.

Längst hat die Krise in den sozialen Systemen Griechenlands, Portugals, Irlands, Spaniens tiefe Spuren hinterlassen. In Griechenland ist mehr als jeder zweite Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos. Diese dramatische Zahl ist doppelt so hoch wie 2009. Dies verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass die Wirtschaft Griechenlands durch die von der Troika (bestehend aus IWF, EU und EZB) oktroyierte Strukturanpassungsmaßnahmen dermaßen stranguliert wird, dass Anfang 2012 die Wirtschaftsleistung gegenüber 2008 um 20 Prozent real abgenommen hat. Ein Fünftel weniger planen, herstellen und verteilen hinterlässt natürlich auf dem Arbeitsmarkt Spuren. So sind 600.000 Arbeitsplätze in Griechenland seit 2008 vernichtet worden. Griechen fürchten eine Rückkehr in die 1960er und 70er Jahre, eine Zeit, die im kollektiven Gedächtnis der Nation als Jahre der Stagnation und Repression verhaftet sind. Viele Menschen sind mittlerweile wieder gezwungen in den Mülltonnen vor den Supermärkten nach Essbarem zu suchen. Genau dies war eine der Begründungen für den Selbstmord von Dimitris Christoulas. In seinem Abschiedsbrief, den er in seiner Manteltasche bei seinem öffentlichen Selbstmord auf dem Syntagma Platz hinterlassen hat, schrieb er:

“The Tsolakoglou government has annihilated all traces for my survival, which was based on a very dignified pension that I alone paid for 35 years with no help from the state. And since my advanced age does not allow me a way of dynamically reacting (although if a fellow Greek were to grab a Kalashnikov, I would be right behind him), I see no other solution than this dignified end to my life, so I don’t find myself fishing through garbage cans for my subsistance. I believe that young people with no future will one day take up arms and hang the traitors of this country at Syntagma square, just like the Italians did to Mussolini in 1945” (so die im Internet kursierende englische Übersetzung)

Zweimal erwähnte Dimitris Christoulas das Wort “Würde”, es hat, so dürfen wir vermuten, eine zentrale Bedeutung für seine Wahrnehmung der Krise. Es ist heute jedem klar, dass “der” Markt keine Lösung mehr für die Europäische Union mehr bietet. Bei eklatanten Marktversagen, aber wann tut er das eigentlich nicht?, greifen Menschen ganz selbstverständlich auf Begriffe der moralischen Ökonomie zurück. In Zeiten der Krise neigen Ressentiment besetzte Menschen dazu die Lösung ihrer Probleme in einer Abschottung nach außen zu suchen, Zusammenhalt und Wohlergehend für sich durch Projektion von Hass auf andere, vermeintliche Außenseiter, zu sichern. Marine le Pen, die Führerin der Rechtsextremen “Nationalen Front” (Front National) in Frankreich hat bei den letzen Präsidentschaftswahlen im Mai 2012, ihre größten Erfolge im wohlhabenden Hinterland des wunderschönen Nizza gewonnen. Ressentiment, Ausgrenzung und Hass sind eine ständige mögliche Antwort von Menschen auf Krise, die andere Antwort kann, aber muss nicht die Wahl der linker Parteien sein. Linke Parteien sind in Europa wieder auf dem Vormarsch. Zwar sehr langsam, und von geringem Ausgangsniveau, aber immerhin. Aber jenseits dieser traditionellen Bahnen der repräsentativen Demokratie gibt es spannende “Praxeologien”, die, von der parlamentarisch organisierten Linken kaum beachtet, sich in ganz Europa Bahn brechen.

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Die Kartoffel als Symbol und materielle Notwendigkeit

Etwas spaßig kann man dabei sagen, dass sich hierbei alles um die Kartoffel dreht. Die Kartoffel als Symbol und materielle Notwendigkeit sozusagen. Nicht umsonst heißt eine neue Genossenschaft aus München, gegründet v.a. von Arbeiter_innen der Medienbranche “Kartoffelkombinat” (Der Freitag, 31. Mai 2012, Seite 7). Es gibt in Europa Anfang 2012 zwei gegenläufige Trends, von denen bis jetzt nicht klar ist, ob sie sich in der Praxis und im politischen Diskurs in naher Zukunft vereinen werden. Aber es ist klar: das Zeug dazu haben sie. Zum einen geht es hierbei um das nicht mehr ganz so neue, aber immer noch trendige “Urban Gardening”, das die Wiederaneignung städtischer Brachflächen, deren Begrünung und Nutzbarmachung im Sinne einer “Mikrolandwirtschaft” in städtischer Umgebung bedeutet. Während Urban Gardening oftmals mehrheitlich von Abkömmlingen der Mittelschicht getragen wird, und damit ein Element des freiheitlichen besitzt, ist der andere Trend ganz im “Reich der Notwendigkeit” verwurzelt. 2011 schockten die ersten Nachrichten die europäische Öffentlichkeit, als bekannt wurde, dass Portugiesen reihenweise aus den Städten wieder aufs Land ziehen würden, um sich dort in Subsistenzlandwirtschaft zu üben. Es ging dabei nicht darum abhängige Arbeit im Bereich des Agrokapitalismus zu finden, dieser Sektor war dicht. Nein, es ging hier erstmals wieder in Europa darum sich bei einer Krise des kapitalistischen Marktes auszuklinken, und sich schlicht und einfach das Leben zu sichern.

Urban Gardening – nicht reden, tun!


Urban Gardening kann man vielleicht mit „städtisches Gärtnern“ übersetzen. Wichtig hierbei ist nicht nur das Ergebnis in Form von begrünten Flächen und ökologisch angebautem gesundem Gemüse und Obst, wo vormals Industriebrachen „vor sich hingrauten“, sondern der Akt, das Tun, die Aktion, das Miteinander sind wesentliche Elemente seines Erfolges. So ist das Ziel des Münchner „Kartoffelkombinats“ „die Trennung zwischen Erzeugern und Verbrauchern zu sprengen: um sich verbunden zu fühlen“ (Der Freitag, 31. Mai 2012, Seite 7). Peter Linebaugh hat den Begriff des „commening“ geprägt, um die Debatte um die Commons (Allmende) um den Bereich der Performanz zu erweitern. Das „Gärtnern“ also macht das Urban Gardening so attraktiv für die Menschen der Großstädte. In Deutschland wurden diese Gärten zuerst berühmt als sich Flüchtlingsfrauen aus Bosnien in Göttingen daran taten ihre Reproduktion zu sichern. Zwar hatten schon vorher türkische Einwanderer in einigen westdeutschen Städten Brachen zur Lebensmittelherstellung genutzt. Aber die Gärten in Berlin waren anders, hier trat zum ersten Mal das Moment der Performanz in den Vordergrund. Nicht nur das „Was“, sondern das „Wie“ der (Re-)Produktion wurde wichtig. Die Produkte der Gärten würden getauscht, verschenkt, und zusammen verspeist. Zwar war die Ernte immer noch bedeutend, aber seine Zucht wurde benutzt, um interkulturellen Dialog herzustellen zwischen Flüchtlingen und der lokalen Bevölkerung. Christa Müller nennt dies „die Einübung einer Logik, die nicht auf Verwertung, sondern auf Versorgung gerichtet ist“ (Der Freitag, 31. Mai 2012, Seite 6). Der Garten wurde zu einem Medium der Herstellung einer lokalen Gemeinschaft. „Autonomie bedeutet für diese Bewegung nicht hohe Löhne zu erzielen. Um sich die lebensnotwendigen Dinge kaufen zu können, sondern Wissen, handwerkliches Können und soziale Netzwerke zu leben und zu erproben.“ (ebd.)
Es ist als würde die Uhr zurückgestellt werden: im Angesicht der angesäten Pflanze sind alle gleich in ihrer Ahnungslosigkeit. Kaum ein Stadtmensch hat wirklich Ahnung wie man Pflanzen pflegt, außer sie stehen im Wohnzimmer und ihre Wurzeln werden über Granulat versorgt. Hier bietet sich die Chance für Immigranten ihr Wissen über Pflanzen einzubringen. Der Garten hat somit eine nivellierende Tendenz, hier werden kulturelles und soziales Kapital lokal neu verteilt. Diese Gärten gibt es heute in mehr als 130 deutschen Städten.
Die deutsche Urban Gardening Bewegung hat dabei in den letzten Jahren einiges lernen müssen. Oftmals stand am Anfang das Konzept des „bodenlosen“ Gartens, der, in transportfähigen Kisten mobil untergebracht, von Ort zu Ort zieht. Vielleicht sind die Prinzessinnengärten in Kreuzberg Berlin das beste Beispiel für diese Lernprozesse. Die beiden Gründer Robert Shaw und Marco Clausen hatten eigentlich vor von „Nicht-Ort“ zu „Nicht-Ort“ zu ziehen, um so die Idee einer grünen Stadt in Berlin bekannt zu machen (ebd.). Aber nach drei erfolgreichen Jahren scheint den Akteuren klar zu sein, dass es schade wäre die sozialen Beziehungen vor Ort zu zerschneiden, nur weil man weiter zieht. So zeigt sich schon in Berlin, dass die kleinbäuerliche Produktion, ob sie sich nun kapitalistisch, subsistenzorientert, oder eben in Form von Urban Gardening manifestiert, stabile soziale Beziehungen produziert.

Die Kartoffelbewegung in Griechenland – Gemeinsam sind wir stärker


In Griechenland hat eine neue Art der Beziehung von Mensch-zu-Kartoffel ganz ähnliche Wirkungen. Berichte aus dem Krisenland Griechenland überschlagen sich in der letzten Zeit. Viele Berichte zeigen, dass die fundamentalen Institutionen der Gesellschaft durch die Krise ins Wanken kommen. Die griechische Familie, europaweit bekannt für ihren starken Zusammenhalt, gerät zunehmend unter Druck, da sie die Belastungen durch die Arbeitslosigkeit nicht mehr abpuffern kann. Deswegen empfehlen immer mehr Eltern ihren Kindern eine Ausbildung zum Bauern zu machen; back to the roots sozusagen. Während die Eltern Teil der ersten richtig urbane Generation Griechenlands waren, wird den heutigen Jugendlichen klar, dass das Modell des peripheren europäischen Kapitalismus ihnen keinen Wohlstand mehr bringen wird. Die American Farm School in Thessaloniki etwa meldet Rekordanmeldungen. Die konservative Regierung in Griechenland versprach vor der Wahl im Mai 2012 tausenden Städtern Land zu bäuerlicher Bewirtschaftung zu überlassen. Universitäten näheren sich dem Trend des aufs Land ziehen von der Seite der Wissensvermittlung her. Die Agrarwissenschaftliche Fakultät der Aristoteles Universität Thessaloniki hat aus tausenden Teilnehmern einer Lotterie 300 Gewinner für ein kleines Stück kostenloses Land ausgewählt. Diesen 300 Glücklichen wird in den nächsten drei Jahren beigebracht wie man nachhaltig und ökologisch auf einem kleinen Stück Lebensmittel produziert. Danach wird die nächste Lotterie wieder 300 „Lehrlinge“ auswählen. Die Teilnehmer der letzten Lotterie sind von einer erneuten Teilnahme ausgeschlossen, da es Ziel der Universität ist, das Wissen über die landwirtschaftliche Produktion in ihrer Region möglichst weit zu streuen.

Diese verschiedenen Programme sind zu begrüßen, sind aber teilweise nichts als ein Versuch der alten korrupten Eliten sich ihre Wähler weiterhin geneigt zu halten. Es gibt jedoch auch Projekte von unten, die potentiell systemisch sprengende Wirkungen entfalten können. Und auch wieder hier spielt die Kartoffel eine tragende Rolle. Der Zwischenhandel in Griechenland ist in einer extremen Art und Weise oligopolistisch, ja geradezu kriminell organisiert. Bauern warten mehrere Jahre auf ihre Bezahlung, produzieren also ohne Gegenleistung und die Verbraucher müssen bis zu 30 Prozent höhere Preise für Lebensmittel bezahlen, als sie in Deutschland zahlen müssten. Was lag da näher als den Zwischenhandel in Griechenland auszuschalten? Die Kartoffelbewegung in Griechenland tut genau das, sie organisiert mit Hilfe engagierter Bürgermeister_innen, aber auch mit Hilfe des Internets den Direktverkauf.

Nach Schätzungen können sich allein 750.000 Griechen aus Thessaloniki und Athen vorstellen wieder aufs Land zurück zu kehren. Den wenigsten davon schwebt vor als kleinbäuerlicher Produzent für den Zwischenhandel zu produzieren, und damit doch nur wieder zu einem ausgebeuteten Rädchen im kapitalistischen System reduziert zu werden. Von vorn herein ist die Begeisterung bei den neuen „Ländlern“ groß die Produktion und auch das Leben in kooperativen Formen zu organisieren. Auch wenn Produkte verkauft werden, so scheint hier ein gesellschaftlicher, und trotzdem dezentral organisierter Großversuch von statten zu gehen, bei dem der Tauschwert zugunsten des Gebrauchswerts zurückgedrängt wird. Was bei Versuchen der erneuten Nutzbarmachung von Land durch (ehemalige) Städter mit Hilfe von Kooperativen herauskommt, kann Europa seit Jahren im Süden Italiens erfahren. Dort müssen seit einigen Jahren Landgüter, die der Mafia „gehörten“ an zivilgesellschaftlich organisierte Gruppen vergeben werden, sie dürfen also nicht mehr einfach verkauft werden. Dies hat dazu geführt, dass viele jugendliche Langzeitarbeitslose aufs Land zogen, um dort in Kooperativen nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben. Es gibt viele Berichte, die zeigen, wie durch die Ankunft der jungen Städter die lokalen sozialen Dorfstrukturen einen neuen Schub bekamen, die Menschen anfingen sich bei ihrer Arbeit gegenseitig zu helfen, sprich: soziale, nicht-kommerzielle Beziehungen aufgewertet wurden. Ähnliche Ergebnisse kann man auch von der griechischen Bewegung erwarten.

Am Ende bleibt die Frage, was diese beiden gegensätzlichen Kartoffelbewegungen miteinander zu tun haben, und wie die europäische Linke ihnen helfen kann? Während die eher in den reicheren nordwesteuropäischen Gebieten zur Prominenz gekommenen Urban Gardening Bewegung von sich entfremdet fühlenden Kindern der Mittelschicht getragen wird, um Gefühlen der sozialen Kälte zu entkommen, geht es bei der südeuropäischen Variante des „zurück aufs Land“ um die Herstellung der basalen materiellen Grundbedingungen eines Lebens in Würde. Aber beide Bereiche deuten jeweils über sich hinaus. Die ökologische kollektive Herstellung von Pflanzen, ihr gemeinschaftlicher Genuss in den Zentren des hegemonialen Finanzkapitalismus des Nordens zeigen die Möglichkeit einer anderen Produktionsform, wenn auch noch nur in nuce, da sich niemand erhofft, dass man etwa durch Urban Gardening Berlin ernähren könnte. Während also auch Urban Gardening harte materielle Seiten hat, und eben nicht nur für Selbstverwirklichung steht, hat die aus materiellem Leid entstandene Kartoffelbewegungen des Südens immaterielle Aspekte, die auf das Gute Leben hinweisen.

Insofern reihen sich Urban Gardening und die „Zurück zu Omas und Opas Scholle“ Bewegung Südeuropas in die von den Linken Parteien Europas nur höchst ungenügend verstanden Massenbewegungen ein, die, ähnlich der spanischen Indignados und der Occupy Bewegung, zeigen können wo die Auswege aus der Krise liegen können. Die parteipolitisch organisierte Linke hat hier zuerst einmal einen ganz einfachen Auftrag, sie muss die „infrastrukturellen und rechtlichen Voraussetzungen“ (Der Freitag, 31. Mai 2012, Seite 7) für diese neuen Formen der Produktion in den Parlamenten sichern helfen.