Ausbeutung und gewerkschaftliche Organisation auf den Tomatenfeldern Süditaliens

Billige Tomaten aus Süditalien sind heutzutage überall in Europa im Angebot von Supermärkten und Wochenmärkten. Die Herkunftsbezeichnung auf den Gemüsekisten und Tomatenkonserven sagt jedoch überhaupt nichts über die realen Lebens- und Arbeitsbedingungen auf den Feldern und in den Gewächshäusern Süditaliens aus. Der Preis dagegen schon, der kommt durch Preisdruck auf Produzenten und Landwirte zustande und basiert auf harter Arbeit von ausgebeuteten Menschen, die oft wie Sklaven leben und arbeiten.

In Italien hat insbesondere vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Krise das Problem der Einwanderung in industrielle und landwirtschaftliche Regionen in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die Krise trifft große Teile der Bevölkerung hart und hat zu neuen Konflikten in der Arbeitswelt geführt, wo Sorgen über eine Verschlechterung der Lebensbedingungen sich mit Feindseligkeit gegenüber Arbeitsmigrant*innen vermischen, angeheizt auch durch politische Stimmungsmache.

Denn viele der Arbeiter*innen auf den Tomatenfeldern kommen aus Subsahara-Afrika, aber ein Teil auch aus Osteuropa und Asien. Im besten Fall rackern sie von frühmorgens bis zum Abend unter oft gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen, unterbezahlt und meist ohne gewerkschaftliche und soziale Rechte. Im schlimmsten Fall hausen sie in „Ghettos“ auf den Feldern in Kalabrien oder Apulien, das sind informelle Siedlungen ohne Strom,  sanitäre Einrichtungen und ohne Zugang zu sauberem Wasser und medizinischer Versorgung.

Das Ghetto von Foggia

So zum Beispiel im Ghetto von Foggia in der Region Apulien. Dort leben in der Hochsaison bis zu 2000 Menschen, mitten in der Pampa, viele Kilometer entfernt von der Stadt Foggia, unter Bedingungen die eher an die Slums von Nairobi oder Mumbai erinnern, als an Wohnsiedlungen in Europa. Wie lange genau es dieses Ghetto mitten in Europa schon gibt, das weiß niemand genau. Fünfzehn bis zwanzig Jahre schätzt der für die Tomatenpflücker zuständige Gewerkschaftssekretär der Unione Sindacale di Base (USB), der sich mit einer Gruppe von Genoss*innen der scheinbar unmöglichen Aufgabe widmet, die Arbeitenden vor Ort zu organisieren.

In der Ansammlung von Wellblechhütten und Wohnwagen hat sich eine informelle Infrastruktur gebildet, um einige Grundbedürfnisse der dort lebenden Arbeiter*innen zu bedienen. Es gibt Lebensmittelgeschäfte, einen Klamottenladen, Bars und Restaurants. Denn nach einem Arbeitstag, der um vier Uhr in der Frühe beginnt und oft weit über zehn Stunden dauert, haben die Menschen keine Kraft mehr in die 15 Kilometer entfernte Stadt zu fahren um einzukaufen. Zudem gibt es zwar ein paar alte Autos im Ghetto, aber die Versicherung dafür ist bei dem niedrigen Gehalt zu teuer. Während sich im Ghetto also eine informelle Wirtschaftsstruktur gebildet hat, fehlt staatliche Infrastruktur komplett. Strom gibt es aus ein paar Solarzellen oder Generatoren, fließendes Wasser überhaupt nicht, und besonders die Ghettobewohnerinnen beklagen das Fehlen von sanitären Einrichtungen. Die Sicherheitslage ist katastrophal, ein Großbrand hatte vor einiger Zeit Teile des Ghettos zerstört, zudem war die Siedlung ständig von Räumung bedroht und wurde zuletzt umgesiedelt.

Die rote Fahne

Mitten in dieser Misere weht die Fahne der Gewerkschaft USB auf dem Dach einer der Wellblechhütten. Das Gewerkschaftshaus im Ghetto gibt es seit drei Jahren. Es ist das Ergebnis harter Arbeit von Gewerkschaftsfunktionär*innen und –aktivist*innen der nationalen und regionalen Strukturen der USB, die gemeinsam mit einigen Bewohner*innen des Ghettos die Organisationsarbeit vorangetrieben haben. Das Gewerkschaftshaus ist ihr Versammlungsort für Diskussionen und Strategieentscheidungen. Dort wurde, bis dato undenkbar, der erste Streik im Ghetto organisiert. Mitten in der Hochsaison 2017 traten alle Ghettobewohner*innen in Streik. Gefordert wurde zum einen akute reale Missstände anzugehen: der Zugang zu Trinkwasser und menschenwürdiges Wohnen ebenso wie Arbeitsschutz, Beitragszahlungen zur Krankenversicherung sowie die Einhaltung der regionalen Tarifverträge. Dazu kamen aber auch politische Forderungen, wie Verbindung von Respekt und sozialen Standards sowie der Zugriff auf Fördermittel aus dem Topf der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union. Mit diesem Arbeitskampf erreichten die Arbeiter*innen, dass die Region Apulien die ständigen Räumungsdrohungen zurücknahm und durch regelmäßige Lieferung von Wassertanks die Versorgung mit Trinkwasser sichergestellt wurde. Darüber hinaus wurden sie in der Gesellschaft sichtbar: sie traten als organisiertes Subjekt auf, mit der Fähigkeit sowohl grundlegende Forderungen als auch komplexere soziale und politische Diskurse zu entwickeln und zu artikulieren.

Das sind zwar nur kleine Erfolge, aber der positive Effekt dieser konkret erkämpften Verbesserungen der Lebensbedingungen im Ghetto darf nicht unterschätzt werden. Für die Arbeiter*innen hat sich gezeigt, dass es sich lohnt gemeinsam zu kämpfen. In der Vergangenheit, erzählten die Bewohner*innen, seien zwar immer mal wieder Hilfsorganisationen vorbeigekommen, um die Bewohner*innen mit Lebensmitteln und Kleidung zu versorgen. Allerdings hatten sich so ihre Lebensbedingungen nicht wirklich verbessert. Stattdessen blieb der gesellschaftliche Diskurs stets im Rahmen der "karitativen Hilfe für Migrant*innen". Es sei der Selbstorganisierung zu verdanken, sagen sie, dass tatsächlich kleine reale Verbesserungen in ihrem täglichen Leben erreicht worden seien. Besonders wichtig sei es, nicht als hilfsbedürftige Migrant*innen wahrgenommen zu werden, sondern als Gruppe die für ihre eigenen Interessen kämpft. Eine für sie sehr wichtige Botschaft, die sie auch bei einer Demonstration am 12. April als Fronttransparent trugen: "Liberiamoci dallo sfruttamento e dall'assistenzalismo". Eine Botschaft für die Selbstbefreiung von bitterer Ausbeutung, weg davon lediglich zur Hilfe von außen verdammt zu sein.

Wer das Ghetto über den ungefestigten Feldweg verlässt und zurückschaut auf die wehende Fahne auf der Wellblechhütte der Gewerkschafter*innen,  kommt nicht umher an ein Gedicht Pasolinis zu denken:

Alla bandiera rossa

Per chi conosce solo il tuo colore, bandiera rossa,
tu devi realmente esistere, perché lui esista:
chi era coperto di croste è coperto di piaghe,
il bracciante diventa mendicante,  
il napoletano calabrese, il calabrese africano,
l'analfabeta una bufala o un cane.
Chi conosceva appena il tuo colore, bandiera rossa,
sta per non conoscerti più, neanche coi sensi:
tu che già vanti tante glorie borghesi e operaie,
ridiventa straccio, e il più povero ti sventoli.
(Pier Paolo Pasolini, La religione del mio tempo, 1961)

An die rote Fahne

Für den, der nur deine Farbe kennt, rote Fahne,
für den muß es dich wirklich geben, damit es ihn gibt:
wer von Schorf bedeckt war, ist nun voller Wunden,
der Tagelöhner wird zum Bettler,
der Napoletaner wird Kalabrese, der Kalabrese Afrikaner,
der Analphabet wird zum Büffel oder Hund.
Wer kaum erst deine Farbe erkannte, rote Fahne,
ist dabei, dich nicht mehr zu kennen, nicht einmal zu spüren:
du rühmst dich so vieler Siege für Bürger und Arbeiter-
werde wieder zum Fetzen, auf daß der Ärmste dich schwenke!
(Aus: Unter freiem Himmel, Wagenbach Verlag, Übersetzung Toni und Sabine Kienlechner)