Verkürzung der Arbeitszeit

Am 20.-21. Oktober 2016 fand im Europäischen Parlament ein Treffen zur Reduzierung der Erwerbsarbeitszeit in Europa statt. Vertreter*innen politischer Parteien, Fraktionen, Gewerkschaften, kirchlichen Sozialverbänden, der Wissenschaft und sozialer Bewegungen aus sieben Ländern tauschten sich über ihre Positionen, Erwartungen und Erfahrungen aus.

Das Treffen fand in einer schwierigen Zeit statt, in der Arbeitgeber*innen und Regierungen eher auf Arbeitszeitverlängerung und maximale Flexibilisierung setzen. Die Verkürzung der Zeit für Erwerbsarbeit ist noch ein marginales Thema, bricht sich in den gesellschaftlichen Diskursen aber zunehmend Bahn. Ursächlich hierfür sind die arbeits- und lebensweltlichen Veränderungen: die Produktivitätssteigerungen einerseits und die Ansprüche an gute Arbeit und sinnerfülltes Leben andererseits. Deutlich wurden in diesem Zusammenhang die politisch-ökonomischen Zusammenhänge von abhängiger Beschäftigung und Arbeitszeit. Neben dem Lohn ist die Arbeitszeit die entscheidende Stellschraube in der Verteilungsfrage von Primäreinkommen.

Die Teilnehmer*innen fordern die politischen Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen dazu auf, das Bemühen um eine Begrenzung und Reduzierung der Erwerbsarbeitszeit in Richtung einer "kurzen Vollzeit" zu unterstützen und werden selbst in dieser Richtung aktiv bleiben. Die Tatsache, dass der 8-Stunden-Tag in vielen Ländern vor 100 Jahren gesetzlich eingeführt, die 40-Stunden-Woche vor 50 Jahren tariflich durchgesetzt wurde, soll Anlass sein, nun die nächsten großen Schritte in Richtung Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit zu gehen. Mit dem Projekt "kurze Vollzeit für alle" geht es um die Überwindung der Erwerbslosigkeit, um Geschlechter- und Verteilungsgerechtigkeit, um Klima- und Ressourcenschutz.

Die Veranstalter*innen der Tagung sind sich der damit verbundenen Probleme durchaus bewusst. Arbeitszeitverkürzung mit Lohn- und Personalausgleich ist ein großes Umverteilungsprojekt, das auf entschiedenen Widerstand der Vermögenden treffen wird. Auch müssen Lösungen gefunden werden für Personen, die Selbstständig tätig sind und gleichermaßen vor Ausbeutung geschützt werden müssen.

Die Teilnehmenden haben verabredet, die Debatte intern und öffentlich fortzusetzen.

Teilnehmende waren u.a. aus
- Wissenschaft (Prof. Alfred Kleinknecht; Dr. Steffen Lehndorff; Madeleine Ellis-Petersen)
- Politik (Thomas Händel, MdEP; Barbara Romagnan, Mitglied der französischen Nationalversammlung; Daniel Bernmar, Fraktionsvorsitzender Stadtrat Göteborg; Alice Vernersson, Stadtsekretärin für Kommunikation aus Göteborg)
- Gewerkschaften (Wiebke Warneck, Europäischer Gewerkschaftsbund; Sylvia Skrabs, verdi Deutschland; Eva Scherz, GPA-Österreich; Susanne Hasslinger, Pro-Ge Österreich; Sam Groen, FNV Niederlande; Muriel Wolters, CGT Frankreich; Aurore Joly, CSC Belgien)
- sozialen Bewegungen wie Attac Deutschland, Collectif Roosevelt aus Frankreich, Erwerbslosenbewegung Frankreich MNCP, kirchlichen Arbeitnehmerorganisationen (KAB /KdA)
- Rosa-Luxemburg-Stiftung, Büro Brüssel (Dr. Martin Schirdewan, Büroleiter; Dr. Roland Kulke, Projektmanager)