Rosa Luxemburg und Herausforderungen für einen Sozialismus des Einundzwanzigsten Jahrhunderts

Jedem Aufbruch wohnt Rosa Luxemburg inne

Lassen Sie mich mit einer Beobachtung beginnen. Und erlauben Sie mir, ein pures, schlichtes, unübersehbares Faktum ganz pathetisch zu formulieren: Immer, wenn alte Formationen der Linken erstarrt sind, wenn jede lebendige Kraft die Hüllen vergangener Aufbrüche verlassen hat, wenn aus den gestrigen Schlachtfeldern nur noch verstaubte Ruinen ragen, wenn nichts mehr möglich zu sein scheint als ein schleichender quälender Niedergang, dann, so ist es immer wieder, dann steigt Rosa Luxemburgs niemals gebändigter Geist wie ein Adler auf und zerreißt die Fesseln der Hoffnungslosigkeit. Dann, so stelle ich mir vor, fliegt ihr Geist einer neuen Morgenröte entgegen.

An Rosa Luxemburg wurde erinnert, als sich die Sowjetunion in eine bolschewistische Diktatur verwandelte und als weder deutsche Sozialdemokratie noch Thälmanns Kommunisten Hitler widerstehen konnten. Das kurze Tauwetter nach Stalins Tod und die Aufbrüche in Ungarn, Polen und später der Tschechoslowakei, die Bewegung der 1968er und Allendes Chile, die sich erneuernde italienische Arbeiterbewegung der 1970er, aber auch der letzte Versuch eines demokratischen Sozialismus der Perestroika oder die Zeit der Studentenunruhen im Juni 1989 in Beijing waren immer auch Zeiten, da Rosa Luxemburg aktuell schien. Was zu ungestümen Strömen wurde in solchen Aufbrüchen, hatte immer wieder Rosa Luxemburg zur Quelle. Wie reines frisches Wasser nach langer Trockenheit klangen dann ihre Worte: »Der lebendige Stoff der Weltgeschichte bleibt … immer noch die Volksmasse«[1]. Denn in der eigenen Praxis der Arbeiterinnen und Arbeiter, der verachteten »einfachen Leute«, für die das Leben oft schwer ist, sah sie nicht nur den Ausgangspunkt jedes Neubeginns, sondern das Wesen und den Garanten jeder solidarischen Emanzipation, die nicht in neue Ketten der Hörigkeit geschlagen werden will.

Es wäre einfach, allzu einfach, den Ansätzen der nach 1990 sich bildenden und erneuernden Linken, den Land- und Betriebsbesetzungen, den globalisierungskritischen Bewegungen, den Plätzen des Weltsozialforums, denen, die für das Recht auf Nahrung, Wasser, Wohnung, Arbeit, demokratische Mitsprache und vor allem auch für ein Leben ohne Gewalt und Aggression streiten, einzelne Gedanken von Rosa Luxemburg an die Seite zu stellen. Dies wäre vor allem deshalb einfach, weil sie in ihrem kurzen intensiven Leben jeder Spur nachgegangen ist, die darauf verwies, wie Menschen ihr soziales Leben in die eigenen Hände nehmen. Sie wusste, wenn sie sich nur eigenständig bewegen würden, dann würde sie auch ihre Fesseln spüren – der erste Schritt, um freier, aufrechter gehen zu lernen. Begeistert ging sie 1905 ins revolutionäre Warschau, energisch stritt sie für den Massenstreik als radikale Kampfform, forderte die SPD schon vor 1914 auf, ihre Politik des faulen Friedens mit dem Kaiserreich und seiner giftigen, imperialistisch-reaktionären Strukturen zu beenden. Als fast ganz Deutschland im Kriegsrausch ersoff und die Jugend in den Gemetzeln von Ypern und Verdun, von Tannenberg und in den Karpaten verblutete, war Rosa Luxemburg eine der ganz wenigen, die aus Freiheit und Gefängnis, erneuter Freiheit und erneutem Gefängnis heraus zum Widerstand aufrief, mit Karl Liebknecht die revolutionäre Losung vertrat: »Der Hauptfeind steht im eigenen Land!«

Aber so einfach, Rosa Luxemburgs Werk als Zitatenhalde zu missbrauchen, um den Kämpfen neuer kapitalismuskritischer Bewegungen eine »höhere Weihe« zu geben, die sie gar nicht brauchen, so einfach will ich es mir nicht machen. Es würde vor allem auch Rosa Luxemburg selbst nicht gerecht, würde sie jener Widersprüche berauben, die gerade ihr Leben, ihr Werk, ihr Wirken ausmachten. Und solche Zitatensammlungen würden uns vielleicht berauschen, aber vor allem würden sie uns blenden. Immer noch wüssten wir nicht, wie wir solidarischer und wirkungsvoller in neuen Bewegungen mit den ihnen eigenen Widersprüchen wirken können. Was Rosa Luxemburg von so vielen ihrer sozialistischen Zeitgenossen unterschied, war ja nicht eine eingebildete Freiheit von den Gegensätzen realer Bewegungen, sondern die Art und Weise, wie sie sich diesen stellte. Was von ihr bleibt und was weiter wirken kann, wenn wir es denn bewahren und nutzen, ist genau dies: Rosa Luxemburgs konsequentes Bemühen, die unvermeidlichen Gegensätze jeder befreienden Bewegungen emanzipatorisch und solidarisch auszutragen. Dem hat sie sich gestellt, bis zur Zerreißprobe mit ihren engsten Genossen und bis zu ihrem gewaltsamen Tod.

Das Werk »Zur russischen Revolution« – Auseinandersetzung mit den engsten Genossen

Den schärfsten Gegensätzen hat sich Rosa Luxemburg ausgesetzt, als sie im kaiserlich-deutschen Gefängnis begann, sich mit dem politischen Wirken ihrer engsten Genossen, der russischen Bolschewiki auseinanderzusetzen. Dieses Mal und nur dieses Mal ließ sie es zu, dass ihrem Lied auf die Gurgel getreten wurden, unterdrückte auf Rat der Spartakisten und vor allem von Leo Jogiches das entstandene Manuskript »Zur Russischen Revolution«. Und vielleicht ist es gerade dieses Werk und diese Situation, in der sie mehr als jemals zuvor oder danach im Konflikt steht zu den revolutionärsten ihrer Genossen, zu den konsequentesten Gegner imperialistischer Kriege und kapitalistischer Herrschaft, die sie auf der Höhe ihrer Deutungskraft zeigt und zugleich auch die Antinomien enthüllt, in die sie geraten war. Hier, in dieser schwierigsten Lage, musste und wollte sie sich bewähren, wollte Auswege zeigen aus einer Weichenstellung zwischen Niederlage der Revolution und einem Weg, von dem sie hellsichtig sah, dass er in eine Diktatur führte, auch wenn niemand sich vorzustellen mochte, dass drei Jahre später unter Trotzkis Befehl Kommunisten die revolutionären Soldaten von Kronstadt niederringen würden, niemand den ganzen Schrecken erahnen konnte, den diese Diktatur dann unter Stalin annehmen sollte, selbst wenn das Wirken von Tscheka und »Rotem Terror« schon alle Elemente freisetzte, die Stalin später zum totalitären System erhob.

Ich werde nicht versuchen, das Werk »Zur russischen Revolution« in Beziehung zu setzen zu der realen historischen Situation, in der sich die Bolschewiki zu dieser Zeit sahen; ich werde auch nicht fragen, welche konkreten Kenntnisse Rosa Luxemburg über die einzelnen Schritte der Sowjetregierung hatte[2]. Für mich steht jener Sinn im Mittelpunkt, der durch Rosa Luxemburg persönlich mit dieser Schrift verfolgt wurde, und nicht die Bedeutung, die sie spätestens mit ihrer Veröffentlichung durch Paul Levi 1922 gewann.[3] Ich werde fragen, welche Auffassungen sie dabei zum Ausdruck brachte und wieso diese so provozierend sind. Dies ist zweifelsohne eine sehr eingeschränkte, aber eben doch legitime Sicht. Ich werde danach dann versuchen, einen zweiten Schritt zu gehen – hin zu der Frage, wie wir ausgehend von diesem Luxemburgschen Erbe uns solidarisch-befreiend bewegen können.

Man versetze sich zurück in den Sommer 1918. Rosa Luxemburg ist vor einem Jahr in das Gefängnis in Breslau verlegt. Neue Schikanen erschweren ihr das Leben. Ihre Gesundheit ist untergraben. Einer ihrer engsten Freunde, Hans Diefenbach, fällt an der Front. Die Welt ist in Bewegung, vor allem im Osten, sie aber bleibt eingesperrt. In Deutschland regt sich Widerstand gegen den Krieg, aber noch wird er nicht zur massenhaften Befehlsverweigerung, nicht zur Bildung von Räten, nicht zur Revolution. In Russland haben ihre engsten politischen Verbündeten, die Bolschewiki, die Macht ergriffen und kämpfen um den Aufbau des Sozialismus. Aber folgt man den Artikeln, die Rosa Luxemburg in dieser Zeit schreibt, dann wird ihr dieser Sozialismus, den sie doch so sehr herbeiwünscht, zu einem Zerrbild jener Ideale, denen sie sich verpflichtet hat. Angst vor erneuter Enttäuschung packt sie.

In dieser Situation macht sie etwas völlig Unmögliches. Sie entzieht sich der Logik »Wir oder sie«, sie ergreift zugleich Partei für die Bolschewiki und kritisiert sie vehement. Sie sind ihr nicht konsequent genug bei der Beseitigung der Ursachen von Kapitalismus, Völkerhass und Krieg, weil sie den Bauern das Land geben, die unterdrückten Völker in die nationale Unabhängigkeit entlassen und in Brest-Litowsk Frieden mit den Deutschen schließen und damit, so Rosa Luxemburg, Wege wählen, die nicht direkt zum Sozialismus hinführen und ihn zudem diskreditieren können. Und sie kritisiert die Bolschewiki in größter Schärfe wegen des Übergangs zur Diktatur. Wie ein wilder Trieb schießt eine Notiz an den Rand ihres Manuskripts, deren Worte bis heute nachhallen: »Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für die Mitglieder einer Partei – und mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ›Gerechtigkeit‹, sondern weil all das Belebende, Heilsame, Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ›Freiheit‹ zum Privilegium wird.«[4]

Vergessen wird bei der Diskussion der zitierten Randnotiz ihrer Schrift oft von »Freund wie Feind«, dass Rosa Luxemburg die Bolschewiki nicht etwa nur als antidemokratisch kritisiert, sondern zugleich als unsozialistisch. Für sie ist beides aus Gründen, die ich noch ausführen werde, untrennbar. Es ist für sie völlig unmöglich, dass Demokratie auf Zeit ausgesetzt wird, um zunächst das Haus des Sozialismus zu errichteten und dann später seinen Bewohnerinnen und Bewohnern das Recht einzuräumen, über die Hausordnung mitzubestimmen. Und sie ging davon aus, dass freie Menschen sich geradezu für jenen Sozialismus entscheiden würden, wie sie ihn verstand. Ihr Sozialismus- und ihr Demokratieverständnis hängen im Innersten zusammen.

Warum stört und verstört das Erbe Rosa Luxemburgs bis heute? Warum bricht es wie das »ungehemmte« Leben immer wieder hervor, wo man es nicht haben will, wie bei der jüngsten gespenstischen Diskussion zum Kommunismus? Warum fügt es sich nicht ein in die scheinbar klaren Frontlinien des 20. Jahrhunderts, und warum ist es gerade deshalb eine Inspiration für die Erneuerung des Sozialismus im 21. Jahrhundert? Warum können die einen wie die anderen versuchen, sie zu vereinnahmen, und warum ist es für alle so schwer, Rosa Luxemburgs Geist auf einen einfachen Nenner zu bringen? Die Ursache dafür sehe ich darin, dass Rosa Luxemburg zwei in der Geschichte des 20. Jahrhunderts völlig unvereinbar scheinende Gegensätze zu vereinen sucht – Sozialismus und Demokratie. Und dieser Versuch, so meine These, zwingt dazu, beide, Sozialismus wie Demokratie, radikal zu überdenken. Nur einige wenige, aber bedeutungsschwere Sätze seien zitiert aus Ernst Blochs Werk »Naturrecht und menschliche Würde«, Sätze, die er mit Verweis auf Rosa Luxemburg schrieb: »Als letzte Quintessenz des klassischen Naturrechts, ohne das andere Beiwerk, bleibt allemal das Postulat menschlicher Würde; auch der Mensch, nicht nur seine Klasse hat, wie Brecht sagt, nicht gern den Stiefel im Gesicht… […] Daher als eigenes Erbe am revolutionär gewesenen Naturrecht: Aufhebung aller Verhältnisse, in denen der Mensch mit den Dingen zur Ware entfremdet ist und nicht nur zur Ware, sondern zur Nullität an Eigenwert [so Ernst Bloch offensichtlich unter dem Eindruck der Erfahrungen nationalsozialistischer Menschenvernichtung wie aber auch des Stalinismus – M. B.]. Keine Demokratie ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Demokratie, das ist die Formel einer Wechselwirkung, die über die Zukunft entscheidet.«[5]

Die Schrift »Zur russischen Revolution« – eine Symphonie des demokratischen Sozialismus

Zurück damit zur lebendigen Quelle dieser »Formel« von der »Einheit von Demokratie und Sozialismus«, zurück zu Rosa Luxemburgs Schrift »Zur russischen Revolution«. Auslöser dieser Schrift war eine Fußnote, die Ernst Meyer verantwortete, nach der Verhaftung von Leo Jogiches, Redakteur der »Spartacus-Briefe«. Diese Fußnote distanzierte sich vorsichtig, aber hinreichend deutlich von Luxemburgs Kritik an den Bolschewiki. Die dann im Frühherbst 1918 entstandene Schrift »Zur russischen Revolution« ist ein unvollendetes, aber eben doch fast vollendetes Manuskript und klar komponiert.

Ich möchte mich dieser Schrift nicht dadurch nähern, dass ich mir dieses oder jenes Argument einzeln herausgreife und ins Verhältnis zu Positionen von Lenin bzw. Trotzki einerseits oder Kautsky andererseits als den immer wieder zitierten Antipoden setze. Mir geht es darum, den Sinnzusammenhang selbst, den Rosa Luxemburg in ihrem Text stiftet, zu rekonstruieren. Dazu will ich dieses kleine, ungeheuer nachwirkende Werk als Ganzes nehmen. Ich werde es deshalb wie eine Symphonie fassen, die mit genauso großer Strenge und Bedachtsamkeit wie Leidenschaft komponiert wurde und ganz klassisch aus vier Sätzen besteht. Es geht mir nicht um den historischen oder aktuellen Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen, sondern um deren beabsichtigte Zielrichtung; es geht mir um das von Rosa Luxemburg Gemeinte, nicht um das von ihr Bewirkte.

Die Schrift »Zur russischen Revolution« beginnt und endet mit einer Würdigung der russischen Revolution und der Bolschewiki. Es sind dies vor allem die Abschnitte I und II sowie der Schlussteil – man kann dies als den langen ersten Satz und kürzeren vierten Satz ihrer »Symphonie« ansehen. Der erste wuchtige Satz gibt wie ein Paukenschlag das Motiv vor: »Die russische Revolution ist das gewaltigste Faktum des Weltkrieges.«[6] Immer und immer wieder wird es wiederholt. Die Würdigung der Rolle der Bolschewiki in dieser Revolution verweist auf das Hauptthema, das entwickelt wird. Die Bolschewiki seien es gewesen, die begriffen hätten, dass in Russland selbst wie in Europa der Sozialismus auf der Tagesordnung stehe, die Diktatur des Proletariats. Mit der Forderung danach, dass alle Macht den Sowjets gehören müsse, hätten sie die »vorwärtstreibende Parole« ausgegeben und »alle Konsequenzen« daraus gezogen[7]. Sie hätten bewiesen, dass gelte: »Nicht durch Mehrheit zur revolutionären Taktik, sondern durch revolutionäre Taktik zur Mehrheit geht der Weg.«[8] Die Bolschewiki, so Rosa Luxemburg, »haben sich damit das unvergängliche geschichtliche Verdienst erworben, zum erstenmal die Endziele des Sozialismus als unmittelbares Programm der praktischen Politik zu proklamieren«[9].

Und die Schrift endet mit einer Würdigung der Bolschewiki, dass sie jenseits von »Detailfrage(n) der Taktik« das »wichtigste Problem des Sozialismus« ins Zentrum gerückt hätten: »die Aktionsfähigkeit des Proletariats, die revolutionäre Tatkraft der Massen, der Wille zur Macht des Sozialismus überhaupt«[10]. Luxemburg schließt ihr Manuskript mit dem Satz: »Und in diesem Sinne gehört die Zukunft überall dem ›Bolschewismus‹.«[11] Man könnte den Satz aber auch so lesen: »Nur in diesem Sinne gehört die Zukunft überall dem ›Bolschewismus‹.« Aus dem Paukenschlag ist eine fortepiano geworden – erst laut, dann leise, erst absolut, dann relativiert.

Nachdenklich sollte stimmen, dass Rosa Luxemburg nicht etwa die Machtergreifung der Bolschewiki in Russland ins Zentrum von Beginn und Schluss ihres Werkes stellt, nicht die Einsetzung einer sozialistischen Regierung und die Gestaltung sozialistischer Institutionen zum Leitmotiv macht, sondern vor allem die Leistung der Bolschewiki bei der Entwicklung der revolutionären Handlungsfähigkeit der Arbeiterklasse und der Massen Russlands betont. Darin und eigentlich auch nur darin sieht sie das bleibende Verdienst der Leninschen Partei. Nicht in der Roten Fahne auf dem Kreml, sondern die Idee des Sozialismus in den Köpfen und Händen von Millionen Arbeitern, Bauern, Soldaten liegt ihr eigentliches Interesse. Und hier klingt auch das »Nebenthema« der Symphonie auf. Wie schon in anderen, vorhergehenden Artikeln[12] ist das Ziel ihrer Erörterung der Politik der Bolschewiki – in Zustimmung wie Kritik gleichermaßen – die Überwindung der »fatale(n) Trägheit der deutschen Massen«[13].

Nicht die russischen Bolschewiki, sondern die »trägen« deutschen Arbeiter sind die Adressaten ihrer Schrift. Ihre Kritik an der Politik der sowjetrussischen Regierung hat das Ziel, genau das in Deutschland zu befördern, was sie als die wirkliche Leistung der Bolschewiki für Russland ansieht: revolutionäres sozialistisches Handeln der Massen. Dies aber, so ihre Auffassung, könne nicht »im Geiste der Bevormundungsmethoden der deutschen Sozialdemokratie seligen Angedenkens durch irgendeine Massensuggestion, durch den blinden Glauben an irgendeine fleckenlose Autorität, sei es der eigenen ›Instanzen‹, oder die des ›russischen Beispiels‹, hervorgezaubert werden«[14]. Sie ist davon überzeugt: »Nicht durch Erzeugung einer revolutionären Hurrastimmung, sondern umgekehrt: nur durch Einsicht in den ganzen furchtbaren Ernst, die ganze Kompliziertheit der Aufgaben, aus politischer Reife und geistiger Selbständigkeit, aus kritischer Urteilsfähigkeit der Massen, die von der deutschen Sozialdemokratie unter verschiedensten Vorwänden jahrzehntelang systematisch ertötet wurde, kann die geschichtliche Aktionsfähigkeit des deutschen Proletariats geboren werden. Sich kritisch mit der russischen Revolution in allen historischen Zusammenhängen auseinanderzusetzen, ist die beste Schulung der deutschen wie der internationalen Arbeiter für die Aufgaben, die ihnen aus der gegenwärtigen Situation erwachsen.«[15]

Fassen wir also zusammen: Während das Hauptmotiv von Luxemburgs Schrift »Zur russischen Revolution« die Propagierung der Leistung der Bolschewiki ist, durch die richtigen Losungen das eigenständige revolutionäre Handeln der Massen anzustacheln und auszurichten, ist es das zweite Motiv ihres Werks, die Bolschewiki genau dort zu kritisieren, wo deren Politik nach Auffassung von Rosa Luxemburg diesem Ziel entgegensteht. Höchste Bewunderung für die historische Leistung der Bolschewiki wie härteste Kritik an ihnen haben ein und denselben Maßstab. Beim Sozialismus geht es für Rosa Luxemburg immer vor allem um das Eine: »Die ganze Volksmasse muss daran teilnehmen.«[16] Dieser Maßstab bildet den gemeinsamen Grundton des gesamten Werkes, umfasst beide Motive – das der Würdigung der Bolschewiki wie das der Kritik an ihnen.

Während der erste lange Teil der Luxemburgschen Schrift sich der Würdigung der Bolschewiki widmet, konzentrieren sich die Abschnitte III und IV auf die Kritik. Drei zentrale Punkte der Kritik an den Bolschewiki stehen im Mittelpunkt: (1) die Art der Agrarreform, (2) die Proklamation des Selbstbestimmungsrechts von Nationen einschließlich des Sonderfriedens mit Deutschland[17] sowie (3) die »Erdrückung der Demokratie«[18]. Die ersten zwei Punkte sind zusammengefasst im Abschnitt III, der dritte Punkt im Abschnitt IV; und beide habe fast genau den gleichen Umfang. Es sind die Sätze zwei und drei der Luxemburgschen Symphonie »Zur russischen Revolution«.

Ihre Kritik an den Bolschewiki: Zu wenig Sozialismus, zu wenig Demokratie

Ohne hier die Möglichkeit zu haben, auf die konkrete Kritik von Rosa Luxemburg an der Politik der Bolschewiki einzugehen[19], möchte ich ausschließlich auf eine Merkwürdigkeit dieser Kritik aufmerksam machen: Die beiden Abschnitte stehen in einem, so scheint es, unversöhnlichen logischen Widerspruch. Zunächst werden die Bolschewiki für eine Politik kritisiert, mit der diese die Spannungen zwischen ihrer Regierung und möglichen Gegnern reduzieren wollen und es werden Vorschläge gemacht, die – so muss man annehmen – den Widerstand gegen die Bolschewiki verstärkt hätten. Und dann wird den Bolschewiki eine radikale politische Demokratisierung empfohlen, die diesem Widerstand doch offenen Raum geben würden. Betrachten wir diesen Widerspruch näher.

Im Abschnitt III werden die Bolschewiki für ihre Agrar- und Nationalitätenpolitik kritisiert. Rosa Luxemburg wendet sich dagegen, dass das Land den Bauern zur privaten Nutzung zugeteilt wird und die unterdrückten Völker des Russischen Reiches das Recht auf nationale Selbständigkeit erhalten. Weder will sie privates Eigentum stärken noch nationalstaatliche Abgrenzung. Rosa Luxemburg weiß, dass die von ihr kritisierte Politik der Bolschewiki eine ganz »vorzügliche Taktik zur Befestigung der proletarisch-sozialistischen Regierung«[20] war bzw. darauf zielte, »die vielen fremden Nationalitäten … an die Sache der Revolution«[21] zu fesseln. In beiden Fällen wurde dem Drängen großer Teile der Bevölkerung, sei es der Bauernschaft, sei es der Finnen, Esten, Letten, Georgier usw. nachgegeben. Und auch der »Frieden« von Brest-Litowsk erwuchs vor allem aus der Unfähigkeit der Bolschewiki, die Soldaten weiter für den Krieg zu mobilisieren. Jede andere Politik hätte – so zumindest Lenins Sicht – entweder die Machtergreifung der Bolschewiki unmöglich gemacht oder ihr schnelles Ende befördert. Warum dann aber eine so entschiedene Kritik daran?

Man kann mit einer bestimmten Berechtigung sagen, dass für Rosa Luxemburg der Machterhalt der Bolschewiki weniger wichtig war als die Ehrenrettung der Linken. Besser sei, so meines Erachtens ihre in dieser Schärfe unausgesprochene Auffassung, den Untergang des bolschewistischen Russlands hinzunehmen als erneut Verrat an den sozialistischen Idealen zu üben, wie er 1914 durch die rechte Sozialdemokratie geübt worden sei, besser vor allem für die Aussichten der in ihren Augen alles entscheidenden sozialistischen Revolution in Deutschland und Westeuropa. Wie, so ihr Kalkül, sollen Arbeiter, soll das Volk im Zentrum und im Westen Europas für eine solche Revolution begeistert werden, wenn sie im Osten durch falsche Bündnisse, neuen Nationalismus, Entfesselung des Privateigentums und vor allem durch Diktatur und Terror in den Schmutz gezogen wurde?!

Angesichts der Möglichkeit, dass die Leninsche Regierung in ihrer im Herbst 1918 fast hoffnungslosen Lage zu einem Bündnis mit dem deutschen Kaiserreich bereit sein könnte, um ihre Macht zu sichern, schreibt sie: »Russland war der einzige, letzte Winkel, wo revolutionärer Sozialismus, Reinheit der Grundsätze, ideale Güter noch einen Kurs hatten, wohin sich die Blicke aller ehrlichen sozialistischen Elemente in Deutschland wie in ganz Europa richteten, um sich von dem Ekel zu erholen, den die Praxis der westeuropäischen Arbeiterbewegung hervorruft, um sich mit Mut zum Ausharren, mit Glauben an ideelle Werke, an heilige Worte zu wappnen. Mit der grotesken ›Paarung‹ zwischen Lenin und Hindenburg wäre die moralische Lichtquelle im Osten verlöscht.« [22] Wer so schreibt, wer derart an das Absolute appelliert, dem geht es um alles oder nichts.

Obwohl sie um den politischen Sinn der Leninschen Politik weiß, empfiehlt Rosa Luxemburg den Bolschewiki eine Strategie, die sie in einen noch tieferen Gegensatz zur Bevölkerung, insbesondere zu den Bauern, Soldaten und der Peripherie des früheren Zarenreichs hätte bringen müssen. Sie geht davon aus, dass jeder reale Schritt realer sozialistischer Politik zumindest nicht den Weg »verrammeln« bzw. »abschneiden« dürfe, der zum Sozialismus führt[23]. Und dieser Sozialismus besteht für sie eindeutig in der Vorherrschaft des gesellschaftlichen Eigentums und der unmittelbaren internationalen Solidarität der Völker im Rahmen eines einheitlichen Sowjetstaates. »Umwege« der Stärkung des bäuerlichen Privateigentums oder der nationalen Selbständigkeit von Völkern, die schon lange Teil der von Russland beherrschten Wirtschaftsräume und Märkte waren, akzeptierte sie nicht. In den Kleineigentümern und den neuen kleinen »Nationalstaaten« sah sie die geborenen Bündnispartner von Imperialismus und Konterrevolution.[24]

Im zweiten Satz ihre Symphonie, wenn man bei der Metapher bleibt, empfiehlt Rosa Luxemburg den Bolschewiki eine prinzipienfeste kommunistische Politik der Zentralisation und Konzentration der ökonomischen wie politischen Macht und zwar im Gegensatz zu der – wie sie es selbst nennt – »spontanen Bewegung der Bauernschaft«[25] wie der »bürgerlichen und kleinbürgerlichen Klassen«[26] der unterdrückten Nationen. Sie sieht die Gründe der Bolschewiki für eine Politik, die nach ihrer Auffassung im Gegensatz zu den sozialistischen Prinzipien steht, im taktischen Interesse des Machterhalts und geht davon aus, dass diese »Berechnung leider gänzlich fehlgeschlagen«[27] sei.  Dies hat sich historisch so nicht bestätigt, auch wenn im Frühherbst 1918 durchaus vieles dafür sprach, dass die Leninsche Regierung sich nicht halten könne. Die Bolschewiki vermochten sich, begünstigt durch die Novemberrevolution in Deutschland und Österreich, im Gefolge eines Bürgerkriegs, zeitweise größter Konzessionen nach innen wie außen (die Neue Ökonomische Politik) und einer mit größter Gewalt vorangetriebenen Industrialisierung und Enteignung der Bauernschaft (»Kollektivierung« genannt) für siebzig Jahre zu behaupten.

Interessanter aber als diese Tatsachen ist es für den hier zu erörternden Zusammenhang, dass Rosa Luxemburg zwar im zweiten Satz ihrer Symphonie Schritte vorschlägt, die zumindest aus Sicht der Bolschewiki den Gegensatz zu den großen Massen des bäuerlichen Russlands und seiner Peripherie verschärft hätten, im dritten Satz hingegen aber dann genau jene Mittel auf das Entschiedenste ablehnt, mit denen die Bolschewiki versuchten, ihre Macht angesichts der sowieso schon vorhandenen Gegensätze zu stabilisieren – die Diktatur und den Terror. Sie schien zu glauben, dass beides zugleich möglich ist, eine Politik, die unmittelbar auf die Vergesellschaftung der Produktionsmittel zielt (in der Stadt und ansatzweise auch auf dem Lande), und eine umfassende Demokratisierung. Sozialistische Demokratie und Aufbau des demokratischen Sozialismus sollten Hand in Hand gehen.[28]

Während Rosa Luxemburg jede Besonderung der Interessen in der Ökonomie als Stärkung des Privateigentums ansieht, während sie jede Abtrennung von Völkern aus imperialen Gebilden, in denen diese ökonomisch integriert waren, als Spaltung der Arbeiterklasse ansieht, während sie jedem Bündnis mit der in- oder ausländischen Bourgeoisie den Kampf ansagt, will sie Freiheit der Meinungsäußerung, der Versammlung, der Wahlen auch für die Gegner der eigenen Regierung und betont mit aller Rigorosität und Prinzipialität: »Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution« und es entstehe »die Diktatur einer Handvoll Politiker«[29], die sie dann auch noch als »bürgerlich« charakterisiert, weil es die »Diktatur für eine Handvoll Personen«[30] sei. Sie begründet dies noch einmal, in dem sie auf ihre Weise den Gegensatz Diktatur oder Demokratie auflöst: »Das Proletariat kann, wenn es die Macht ergreift, nimmermehr nach dem guten Rat Kautskys unter dem Vorwand der ›Unreife des Landes‹ auf die sozialistische Umwälzung verzichten und sich nur der Demokratie widmen, ohne an sich selbst, an der Internationale, an der Revolution Verrat zu üben. Es soll und muss eben sofort sozialistische Maßnahmen ergreifen in energischster, unnachgiebigster, rücksichtslosester Weise in Angriff nehmen, also Diktatur auszuüben, aber Diktatur der Klasse, nicht einer Partei oder einer Clique, Diktatur der Klasse, d.h. in breitester Öffentlichkeit, unter tätigster ungehemmter Teilnahme der Volksmassen, in unbeschränkter Demokratie.«[31] Wie unvermittelt verbinden sich da Sprachformeln der Gewalt mit denen freier Kommunikation!

Die Ursache dafür, dass es den Bolschewiki trotz der vielen Konzessionen nicht gelang, eine umfassende Unterstützung zu gewinnen, sieht Rosa Luxemburg ausschließlich im prinzipiellen Gegensatz der Bürger, Kleinbürger und Bauern gegen den Sozialismus. Sie meint, dass nur die Abweichung von den sozialistischen Prinzipien die Bolschewiki die Mehrheit in den werktätigen Massen gekostet und die Konterrevolution gestärkt habe. Sie schreibt: »Statt die Proletarier in den Randländern vor jeglichem Separatismus als vor rein bürgerlichem Fallstrick zu warnen und die separatistischen Bewegungen mit eiserner Hand, deren Gebrauch in diesem Falle wahrhaft im Sinne und Geist der proletarischen Diktatur lag, im Keime zu ersticken, haben sie vielmehr die Massen in allen Randländern durch ihre Parole verwirrt und der Demagogie der bürgerlichen Klassen ausgeliefert. Sie haben durch diese Förderung des Nationalismus den Zerfall Russlands selbst herbeigeführt, vorbereitet und so den eigenen Feinden das Messer in die Hand gedrückt, das sie der russischen Revolution ins Herz stoßen sollten.«[32]

Die erhoffte Harmonie der Kontrapunkte: Notwendigkeit und Freiheit

Wie aber soll dies vereinbar sein: Gebrauch der »eisernen Hand« der »proletarischen Diktatur«, wenn es um die Unterdrückung aller Sonderinteressen geht, die nicht mit denen eines so verstandenen Sozialismus unmittelbar zusammenfallen, und »freie, ungehemmte Presse«, »ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben«[33], eine »unnachgiebige und rücksichtslose« Umwälzung und »unbeschränkte Demokratie«? Es scheint: Rosa Luxemburg will das Unmögliche und sie will es demokratisch. Kontradiktorisch stehen sich die Abschnitte III und IV oder der zweite und dritte Satz ihrer »Symphonie« gegenüber: Unterdrückung jeder sozialen und nationalstaatlichen Pluralität »im Keime« und höchster Lobgesang politischer Freiheit; Kampf gegen alle private Landnahme und die Lostrennung von Russland mit »eiserner Hand« und größtmögliche Förderung einer unbeschränkten politischen Freiheit und der Demokratie als der »lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums und Fortschritts«[34]. Historisch zumindest fielen diese Gegensätze auseinander: Während sich bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft und politische Demokratie zumindest zeitweise als vereinbar erwiesen, galt dies nicht für den auf zentralisierter Verfügung über eine verstaatlichte Wirtschaft geprägten Sozialismus und freie Wahlen.

Rosa Luxemburg vermochte für sich – aber eben auch nur für sich – die genannten Gegensätze zu vereinen. Die Kontrapunkte  stimmen bei ihr am Ende zusammen und erzeugen durch ihre spezifische Gegenbewegung die wirkliche Harmonie. Diese Vereinigung war ihr aber nur möglich, weil sie davon ausging, dass die Arbeiter und die Massen gerade in der alltäglichen Praxis, bei den »tausend Problemen« des Aufbaus des Sozialismus, im »ungehemmten, schäumendes Leben«[35] sich verändern würden: »Soziale Instinkte anstelle egoistischer; Masseninitiative anstelle der Trägheit; Idealismus, der über alle Leiden hinwegbringt usw. usf.«[36] würden sich herausbilden. Und sie nahm an, dass diese Instinkte und Initiativen sowie dieser Idealismus in genau jene Richtung weisen würden wie die von ihr propagierte Politik des sozialistischen Gemeineigentum und einer direkt sozialisierten Wirtschaft. Deshalb kann sie auch annehmen, dass ein Höchstmaß an Freiheit zugleich ein Höchstmaß an Einsicht in die Richtigkeit des Sozialismus als einer Gesellschaft des vergesellschafteten Eigentums, der Interessenidentität, des Internationalismus und Friedens erzeugt.

Aber auch umgekehrt scheint Rosa Luxemburg anzunehmen: Indem die bäuerlichen Massen auch mit Gewalt an der privaten Landnahme gehindert und damit zu gemeinsamer Produktion gezwungen werden, indem die Völker des Russischen Reiches nicht in die Selbständigkeit entlassen, sondern in einem politischen und Wirtschaftsraum gehalten werden, indem Arbeiter in einer Fabrik, die gesellschaftliches Eigentum ist, gemeinsam tätig sind, an Plan und Ausführung gleichermaßen beteiligt werden, entsteht zugleich auch der Raum für jene Erfahrungen, die zur Bejahung des Sozialismus führen und in seine freie Unterstützung und enthusiastische Verteidigung münden. Gerade ihre Argumentation in der nationalen Frage zielt genau in diese Richtung.[37] In der Trennung wachsen in ihren Augen die Gegensätze zum Völkerhass, angepeitscht durch die bürgerlichen Nationalisten. Aus dem Verbleiben in einem revolutionierten gemeinsamen Land, auch wenn zunächst nur erzwungen, würde, so nimmt sie wohl an, die Zustimmung zu eben dieser Gemeinsamkeit entstehen.

Freie Selbstbetätigung der Massen und historische Notwendigkeit fallen bei Rosa Luxemburg der Tendenz nach zusammen. Führung ist vor allem Fähigkeit, dieses Zusammenfallen aktiv zu befördern. Diktatur und Terror sind für sie die Todfeinde des Sozialismus, weil sie mit der Unterdrückung des eigenständigen Handelns der Massen zugleich auch die eigentlichen Akteure jeder Durchsetzung sozialistischer Notwendigkeiten unterdrücken.  Diktatoren sind die Totengräber des Sozialismus, weil sie die Akteure des Sozialismus selbst begraben im Gefängnis einer Kommandogesellschaft, von der kein Weg nach vorne, ins Reich der Freiheit führen kann.

Anders als Lenin und Kautsky ging Rosa Luxemburg gerade nicht davon aus, dass spontan vor allem Überzeugungen entstehen, die vom Sozialismus wegführen würden, so dass sozialistische »Bewusstheit« von außen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden müsse (bei Lenin auch mit Gewalt), sondern sie nahm an, dass die eigene Praxis der Arbeiter und werktätigen Massen direkt zum Sozialismus hinführen würde – vorausgesetzt, es ist eine freie und auf eigenem Handeln gegründete Praxis und nicht Bevormundung und nicht Manipulation; vorausgesetzt auch, es ist die wirkliche Gemeinsamkeit von Produktion und Leben gegeben. Wie Rosa Luxemburg schon 1904 gegenüber Lenin eingewandt hatte: »Die sozialdemokratische Bewegung ist die erste in die Geschichte der Klassengesellschaften, die in allen ihren Momente, im ganzen Verlauf auf die Organisation und die selbständige direkte Aktion der Masse berechnet ist.«[38] Sozialismus ist für sie keine zentral geplante Maschine, sondern Leben, freie Eigentätigkeit freier Menschen, die sie mit unmittelbarer Gemeinschaftlichkeit verbindet. Würde es tatsächlich eine solche Entsprechung zwischen den unmittelbaren praktischen Erfahrungen und den als Vergesellschaftung der Produktionsmittel gefassten sozialistischen Zielen geben, dann, aber eben auch nur dann wären Parteiendiktatur und Terror nicht nur moralisch falsche, sondern auch machtpolitisch verfehlte Mittel, wie Rosa Luxemburg immer wieder betont. Was sie nicht erkennt ist, dass Sozialismus, sofern er mit einer zentralisierten Gemeinwirtschaft identifiziert wird, im tiefsten Widerspruch zu dem selbständigen Handeln der Massen steht.[39] Die allgemeinen Voraussetzungen ihrer Annahmen über den Sozialismus hat sie jedoch nie kritisch reflektiert, sondern nur konkret problematisiert.

Für das 21. Jahrhundert: ein anderer Sozialismus und eine andere Demokratie


Rosa Luxemburgs Kritik an den Bolschewiki erfolgt von zwei gegensätzlichen Seiten. Zum einen ist es die Kritik vom Standpunkt eines vorgefertigten Bildes, wie Sozialismus auszusehen habe, nämlich einer Gesellschaft des einheitlichen Gemeineigentums. Solidarität basierte für sie in der unmittelbaren Gemeinsamkeit, der nicht Trennendes entgegenstehen soll: weder Nationalstaaten noch abgesondertes Eigentum. Sozialismus ist für sie freie Gemeinschaftlichkeit in einer Gesellschaft ohne Ware-Geld-Beziehungen, ohne Staat, gegründet in der unmittelbaren Interessenidentität der Miteigentümer am Volksvermögen. Und diese Sozialismusvorstellung prägte die gesamten Linke der II. Internationale. Die Differenzen betrafen nur den Weg.

Zum anderen aber kritisiert Rosa Luxemburg die Bolschewiki aber vom Standpunkt einer Bewegung, die ihre ganze Kraft aus der Entwicklung der Handlungsmacht der Unterdrückten selbst beziehen soll und erst dabei jene Kriterien aufstellt, nach denen sie sich richten kann bei ihren Entscheidungen. Für sie entsteht die Richtung im Kampf, in der freien Auseinandersetzung. Sie meint zwar, diese Richtung zu kennen, aber ihre Leidenschaft gilt dem eigenen Handeln der der Arbeiter, des Volkes. Und wenn sie diese Position artikuliert, dann wird sie wirklich zum Adler.

Der Widerspruch zwischen verselbständigter Idee des Sozialismus und von Sozialismus als lebendiger Bewegung solidarischer Emanzipation prägt ihr gesamtes Werk und bleibt bis zu ihrem gewaltsamen Ende unaufgelöst. Damit steht sie ganz inmitten jener Bewegung, für die galt, dass die Befreiung der Arbeiter die Sache der Arbeiter selbst sein müsse, und in der doch die Bevormundung oder sogar Unterdrückung dieser Arbeiter prägend wurde.

Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zeigten, so ist der Verfasser überzeugt,

■ dass sich die Vergemeinschaftung der Produktionsmittel, ihre direkte unmittelbare Unterordnung unter »alle Arbeiter« gemeinsam buchstäblich als kontraproduktiv erweist;

■ dass jeder Versuch der Unterdrückung der Vielfalt, des Versuchs der Herstellung einer »unmittelbaren« Identität von gesellschaftlichen, kollektiven und individuellen Interessen, der Reduktion auf nur einen Typ von Akteuren, und sei es »der Arbeiter« den Gegensatz von Kapital und Arbeit nur durch neue Antagonismen ablöst;

■ dass dadurch neue Herrschaft und Entfremdung entstehen;

■ dass eine solche Ordnung sich im Wettbewerb mit anderen Eigentumsordnungen als unterlegen erweist; und

■ dass dies alles strukturell bedingt ist und keine positive Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise darstellt.[40]

Wenn dies so ist, dann kann ein solcher Sozialismus, in dem alle Macht an ein einziges Zentrum »delegiert« wird, auch nicht demokratisch sein, weil jede Freiheit sich dann gegen dieses System richten muss. Umgestaltung (»Perestroika«) und Demokratisierung waren das Abendrot, das dem Untergang dieses Sozialismus vorherglühte. Aber es gilt auch umgekehrt: In dem Maße, wie die Demokratie die Wirtschaft ergreifen würde, in dem Augenblick, wo sie die Entscheidung über das Eigentum, die Investitionen nicht mehr vor allem den Kapitaleigentümern überlässt, bricht auch die Abenddämmerung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft an. Volksherrschaft – und was bedeutet Demokratie anderes – verlangt auch Herrschaft des Volkes über den Wirtschaftsprozess der Gesellschaft. Dies jedoch ist das Ende jedes Kapitalismus. Aber der Weg dahin führt nicht über die Beseitigung der Interessenwidersprüche, sondern über die Ablösung ihrer antagonistischen durch solidarische Austragungsformen, was tiefe Eingriffe in die Macht- und Eigentumsverhältnisse, die Zurückdrängung und Überwindung der Profitdominanz notwendig macht.[41]
Wenn dies richtig ist, dann ist die Formel »Keine Demokratie ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Demokratie« die noch zu lösende Aufgabe eines Sozialismus im 21. Jahrhundert. Sie verlangt es, so meine feste Überzeugung, sich zu lösen von der Bindung des Sozialismus an die Vergemeinschaftung der gesamten Produktionsmittel[42]und vom Versuch, ein »Monosubjekt«[43] oder auch eine großen Menge von »Monosubjekten« herzustellen, die in sich widerspruchslos sein sollen. Die Pluralität legitimer Eigentümerinteressen (Betriebsangehörige, Umweltverbände, Verbraucher, Kommunen und Regionen, Management, Vertreter der Kreditgeber, nicht zuletzt staatliche Organe usw.) und die Pluralität derart widersprüchlicher Subjekte sind einem solchen Sozialismus notwendig eigen. Er ist eine Ordnung, die auf die freie Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Assoziationen assoziierter Individuen zielt und auf einer Vielzahl von komplexen Besitzformen und selbständigen Unternehmen basieren muss und diese Widersprüche zur solidarischen Austragung bringt.[44] Voraussetzung dafür ist, dass die gemeinschaftlichen Grundlagen der Produktion und des Lebens (die Gemeingüter der Erde, der Kultur und des Wissens, der öffentlichen Daseinsvorsorge, des Finanzsystems, des Rechts usw. usf.) unter der öffentlichen demokratischen gemeinschaftlichen Kontrolle der Bürgerinnen und Bürger sind. Dann erst wird die Wirtschaft demokratisiert und Politik sozialisiert. Dann, so ist zu hoffen, drängen die praktischen Erfahrungen der Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums tatsächlich spontan in Richtung des demokratischen Sozialismus, und aus der ungehemmtesten öffentlichen Reflexion dieser Erfahrungen erwachsen die bewussten Schritte hin zu einer sich immer wieder erneuernden solidarischen und gerechten Gesellschaft. Was aus Freiheit hervorgehen kann, wenn sie solidarisch gewendet ist, ist eine Vielfalt freier Entwicklung der einzelnen, die zur freien Entwicklung aller beiträgt und darin zugleich den Garanten eigenen Freiheit erfährt.

Dieser Sozialismus wäre eine Gesellschaft lebendigster Vielfalt, die Rosa Luxemburg in ihrem innersten Gehalt nahe kommt, jener Rosa Luxemburg, von der Paul Levi 1922 schrieb: »Ihre im Tiefsten ausgeglichene Seele kannte keine Scheidungen und Wände. Ihr war das All ein lebendiger Prozess des Werdens, in dem nicht Hebelkraft und Sauerstoffbehälter das Walten der Natur ersetzen können, in dem das Kämpfen, Ringen, Streben der Menschen, in dem der große Kampf, der dem Einzelnen, der den Geschlechtern, der den Ständen, der den Klassen obliegt, die Form des Werdens war. In der sie drum nicht wollte, dass keiner kämpfe, weil alles von selber werde; in der sie den lebendigsten Kampf wollte, weil er die lebendigste Form des Werdens ist.«[45]

Ein abschließendes Wort

Rosa Luxemburgs letzte, schriftlich überlieferten Worte, Ende ihres bitter-verzweifelt-hoffnungsvollen Artikels für die Rote Fahne »Ordnung herrscht in Berlin«, erschienen am Tage vor ihrer Ermordung, galten der Revolution, die sie ganz in das Erbe einer tragischen Hoffnungsgeschichte stellte: »Ich war, ich bin, ich werde sein!« Ja – jedem Aufbruch wohnt auch Rosa Luxemburg inne; und dies nicht, weil sie so oft »recht« hatte, sondern weil sie sich den Widersprüchen der Emanzipation mit ihrer ganzen Person gestellt hat, weil sie die unvermeidlichen Gegensätze einer solchen solidarischen Befreiung vor allem auch in sich selbst ausgetragen hat und lieber die Freiheit und das Leben verlieren wollte als aufzuhören, ein mit-leidender Mit-Mensch, wahrhaft eine Genossin zu sein.

Birgit Daiber, dies sei ganz persönlich aus dem heutigen Anlass gesagt, hat für mich mit ungeheurem Engagement und großer Phantasie und Ausstrahlungskraft das Brüsseler Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung gemeinsame mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern aufgebaut. Es gehört für mich zu jenen Büros, wo der Geist von Rosa Luxemburg lebt, wo viel von ihrem Enthusiasmus, ja auch ihrer Ungeduld und dem Sich-Nicht-Genügen zu spüren ist. Es war mir deshalb eine Ehre, heute hier sprechen zu dürfen. Ich möchte Birgit Daiber danken und ihr wünschen, dass aus diesem Abschied ein großartiger schöner Neubeginn wird!


[1] Rosa Luxemburg: Taktische Fragen. Werke, Bd. 3, S. 252.
[2] Siehe dazu Annelies Laschitza: Im Lebensrausch, trotz alledem. Rosa Luxemburg. Berlin 2000, S. 567 – 579. Für den hier gewählten Ansatz ist es aber irrelevant, wie objektiv Rosa Luxemburgs Informationen waren, sondern es ist ausschließlich von Bedeutung, wie sie die ihr zugänglichen Informationen interpretiert. Mir geht es nicht darum zu bewerten, inwieweit sie den Bolschewiki gerecht wird, sondern welche Wertungen sie auf der Grundlage jener Nachrichten, über die sie verfügt, trifft und warum sie dies auf eine solche Weise tut.
[3] Zu dieser Unterscheidung zwischen Sinn, den ein Autor oder eine Autorin dem Werk selbst gibt, und der Bedeutung, die es im Kontext gewinnt vgl. Quentin Skinner: Meaning and Understanding in the History of Ideas, 1969. In: James Tully: Meaning and Context. Quentin Skinner and his Critics. Cambridge 1988, S. 44 ff.
[4] Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution. In: Werke, Bd. 4, S. 359.
[5] Ernst Bloch: Naturrecht und menschliche Würde. Frankfurt am Main 1999, S. 232.
[6] Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution, S. 332.
[7] Ebenda, S. 340.
[8] Ebenda, S. 341. Dies war die Erkenntnis, die Rosa Luxemburg spätestens aus der russischen Revolution von 1905/6 gezogen hatte. Vgl. dazu: Rosa Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften. In: Werke, Bd. 2, S. 91 – 170.
[9] Ebenda.
[10] Ebenda, S. 365.
[11] Ebenda.
[12] Jeder ihrer Artikel zur russischen Revolution zwischen Frühjahr 1917 bis Herbst 1918 stellt mit immer größerer Entschiedenheit und wachsender Verzweiflung die Frage danach, wann endlich das deutsche Proletariat seiner geschichtlichen Pflicht zur sozialistischen Revolution gerecht werden wird. Vgl. dazu »Die Revolution in Russland«, »Der alte Maulwurf«, »Zwei Osterbotschaften«, »Brennende Zeitfragen«, »Die geschichtliche Verantwortung«, »Der Katastrophe entgegen« und schließlich »Die russische Tragödie« (mit der schon erwähnten redaktionellen Anmerkung von Ernst Meyer), ein Artikel, der mit den Worten endet: »Es gibt nur eine Lösung der Tragödie, in die Russland verstrickt ist: den Aufstand im Rücken des deutschen Imperialismus, die deutsche Massenerhebung als Signal zur internationalen revolutionären Beendigung des Völkermordes. Die Rettung der Ehre der russischen Revolution [in den Augen von Rosa Luxemburg durch den Sonderfrieden zwischen Sowjetrussland und dem deutschen Kaiserreich in Brest-Litowsk gefährdet – M.B.] ist in dieser Schicksalsstunde identisch mit der Ehrenrettung des deutschen Proletariats und des internationalen Sozialismus.« Rosa Luxemburg: Die russische Tragödie. Werke, Bd. 4, S. 392.
[13] Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution, S. 335.
[14] Ebenda, S. 335.
[15] Ebenda.
[16] Ebenda, S. 360.
[17] Siehe zu diesem Friedensschluss vor allem die Artikel »Die geschichtliche Verantwortung« und »Die russische Tragödie«, die in der Werkeausgabe aus unbekannten Gründen nach der Schrift »Zur russischen Revolution« abgedruckt sind.
[18] Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution, S. 352.
[19] Siehe dazu neben der Schrift von Rosa Luxemburg selbst auch die Einleitung zum Band 4 der Werkeausgabe von 1974 sowie das Vorwort von Annelies Laschitza in: Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung (Hrsg.): Rosa Luxemburg und die Freiheit der Andersdenkenden. Extraausgabe des unvollendeten Manuskripts »Zur russischen Revolution« und anderer Quellen zur Polemik mit Lenin. Zusammengestellt und eingeleitet von Annelies Laschitza. Berlin 1990, S. 7 – 32.
[20] Ebenda, S. 342.
[21] Ebenda, S. 348.
[22] Rosa Luxemburg: Die russische Tragödie, S. 390.
[23] Siehe dazu ihre Termini in: Zur russischen Revolution, S. 343.
[24] Siehe dazu ebenda, S. 344 f., 350.
[25] Ebenda, S. 344.
[26] Ebenda, S. 348.
[27] Ebenda.
[28] Siehe ebenda, S. 363.
[29] Ebenda, S. 362.
[30] Ebenda, S. 362.
[31] Ebenda, S. 362 f.
[32] Ebenda, S. 350 f.
[33] Ebenda, S. 358.
[34] Ebenda, S. 360.
[35] Ebenda.
[36] Ebenda, S. 361.
[37] Diese Diskussion und die von ihr dabei entwickelten Positionen scheinen mir insgesamt eine wichtige Quelle ihrer 1918 vertretenen Positionen.
[38] Rosa Luxemburg: Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie. In: Werke, Bd. 1.2, S. 427.
[39] Dieser unaufgelöste Widerspruch prägt auch das von ihr verfasste programmatische Dokument »Was will der Spartakusbund« (Werke, Bd. 4, S. 442 – 451) und ihren kurzen Artikel »Die Sozialisierung der Gesellschaft« (ebenda, S. 433 – 436).
[40] Vgl. dazu ausführlich: Michael Brie: Der sowjetische Staatsparteisozialismus im Lichte der Marxschen Theorie »progressiver Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation«. In: Kalbe, Ernstgert; Geier, Wolfgang; Politt, Holger (Hrsg.): Aufstieg und Fall des Staatssozialismus: Ursachen und Wirkungen. Leipziger Jahrbücher: Osteuropa in Tradition und Wandel, Bd. 6, Leipzig 2004, S. 197 – 233.
[41] Vgl. dazu ausführlich: Dieter Klein: Eine zweite große Transformation und die Linke. Kontrovers der RLS, Mai 2010; Mario Candeias: Passive Revolution vs. sozialistische Transformationen. RLS papers 2010.
[42]Peter Ruben: Ruben, Peter: Die Kommunistische Antwort auf die soziale Frage. www.berlinderdebatte.de/initial/heft1-98/ruben.htm.
[43] Vgl. ausführlicher: Michael Brie: Die Erarbeitung einer Konzeption des modernen Sozialismus – Thesen in der Diskussion. Deutsche Zeitschrift für Philosophie. Heft 3/1990, S. 218 – 229.
[44] Vgl. dazu meine Arbeiten »Wer ist Eigentümer im Sozialismus« (weitgehend geschrieben zwischen 1983 und 1985, veröffentlicht erst im Untergang der DDR, Berlin 1990) und: Die wiederentdeckte Eigentumsfrage. In: Michael Brie (Hrsg.): Mit Marx ins 21. Jahrhundert. Kritik des Neoliberalismus und Alternativen. RLS Papers 04/2006, S. 77 – 102.
[45] Paul Levi: Einleitung zu »Die Russische Revolution. Eine kritische Würdigung. Aus dem Nachlass von Rosa Luxemburg«. In: Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung (Hrsg.): Rosa Luxemburg und die Freiheit der Andersdenkenden. A. a. O., S. 223 f.

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